Über den Schlagwort-Wolken

von Redaktion

Schimmelpfennigs neues Stück „Der Riss durch die Welt“ im Cuvilliéstheater

VON ALEXANDER ALTMANN

Am Ende ist der Boden übersät von glitzernden Glassplittern. Aber schließlich steht ja auch ein ganzer Warenhausvorrat an Sektkelchen bereit auf der Bühne, von denen nur einige, ein „Bruchteil“ quasi, wütend an die Wand geschleudert werden. Merke: Wer im Steinhaus sitzt, soll nicht mit Gläsern werfen. Zumal sich an dem Abend schon die Frage stellt, ob Scherben wirklich immer Glück bringen.

Dem Autor Roland Schimmelpfennig jedenfalls nicht, denn der hat sich diesmal ein wenig überhoben: „Der Riss durch die Welt“ heißt das apokalyptische Konversationsstück, das der bekannte Dramatiker als Auftragsarbeit fürs Bayerische Staatsschauspiel schrieb und das jetzt im Münchner Cuvilliéstheater uraufgeführt wurde. Nichts Geringeres als die vielbeschworene Spaltung der Gesellschaft, ja gar den großen Klassengegensatz schlechthin soll diese sehr konstruierte Plauder- und Schweige-Groteske zum Thema machen.

Der titelgebende „Riss“ ist nämlich die Kluft zwischen Armen und Reichen, die bekanntlich immer tiefer wird, in Europa und auf der ganzen Welt. Eigentlich wäre das ja schon Stoff genug, aber bei Schimmelpfennig bleibt die Kapitalismuskritik bloße Behauptung, die sich in wenigen wolkigen Schlagworten erschöpft. Das muss er selbst gespürt haben, weshalb er seine politische Luftnummer mit gravitätischem Symbolgeschwurbel vollends überblähte: Gleich das Alte Testament muss dafür herhalten, indem der Autor die zehn biblischen Plagen vom Blutfluss bis zu den Heuschrecken als ebenso wirres wie prätentiöses Motivgeflecht in den Text hineinklöppelt.

Dabei wäre das dramaturgische Grundgerüst eigentlich recht tragfähig: Ähnlich wie in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ kommen hier zwei Paare bei einer Einladung zusammen, aber latente Abhängigkeitsverhältnisse vergiften die Möglichkeit unbefangener Freundschaft, und so fliegen bald die Fetzen – und die Gläser.

Klugerweise erzählt Schimmelpfennig davon nicht brav chronologisch, sondern er hat den Verfremdungseffekt schon eingepreist, indem die Figuren im Rückblick über ihr missglücktes Treffen reflektieren, wobei sie immer wieder Szenen kurz nachspielen. Regisseur Tilman Köhler, der insgesamt vielleicht etwas zu respektvoll und illustrativ an den Text herangegangen ist, tut gut daran, dessen Stärken zu betonen. Wie immer bei diesem Autor sind das kurze, traumhaft-surreale Passagen, aber auch einige witzige Momente – der beste, wenn Lisa Stiegler ihren Text plötzlich mal als absurd holpriges Liedchen trällert, statt ihn bloß zu sprechen.

Sie spielt die erfolgreiche Nachwuchskünstlern Sophia, die zwar tatsächlich „von unten“ kommt, aber ihr rotziges Rebellions-Gerede von Sklaverei und Klassenkampf nur noch zur Image-Pflege nutzt, um sich als klar erkennbare Marke zu promoten. Vielleicht hat sie auch nur zwecks ihrer „Street Credibility“ den jungen Jered (Benito Bause) aus dem „Ghetto“ mitgebracht, einen Tätowierten, der womöglich schon mal Dealer, zumindest aber Türsteher war. Die beiden sind zu Besuch in der grandiosen Berg-Villa von Tom (Residenztheater-Rückkehrer Oliver Stokowski) und seiner 20 Jahre jüngeren Frau Sue (Carolin Conrad). Denn Tom, der Kunstsammler, Mäzen und „Satellitenbesitzer“, der eher in der Milliardärs- als in der Millionärsliga spielt, soll eventuell Sophias neues Kunstprojekt finanzieren.

Aber so wacker sich diese vier Akteure schlagen – spannend wird der etwas zähe Abend immer dann, wenn die famose Cathrin Störmer in Aktion tritt. Sie spielt die Haushälterin des reichen Paares, Maria, die einzige, die hier wirklich schuftet und ausgebeutet wird. Beispielsweise muss sie den riesigen schwarzen Wandklotz drehen, der das zentrale Element auf der kahlen Bühne ist, neben vier Rokoko-Stühlen, die deutlich den Sitzen im Zuschauerraum ähneln.

Mit ihren handfest-sarkastischen Kommentaren zum Bühnengeschehen erinnert sie an die patenten Dienstmädchen bei Molière, die auch als einzige immer die Lage klar durchschauen und noch alle Tassen im Schrank haben. Dass aus der splitterreichen Aufführung kein Scherbenhaufen wurde, ist zum Teil auch dieser Schauspielerin zu verdanken, die dafür sorgt, dass der Funke überspringt. Langer, heftiger Beifall.

Weitere Vorstellungen

am 15., 17., 20., 27. und 30. November;

Telefon 089/2185-1940.

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