Eine wichtige Sache, ganz klar, aber die müsst Ihr unter Euch ausmachen: So verkürzt ließe sich die Haltung des Freistaats Bayern darstellen. 100 000 Euro mehr gibt es und sonst nur verbale Solidarität – mehr darf das bedrohte Landestheater Niederbayern derzeit aus München nicht erwarten. Aller Augen richten sich nun auf den 6. Dezember. Da will der Landshuter Stadtrat entscheiden, ob die Sanierung des historischen Theaters tatsächlich gestoppt wird.
Wie berichtet, müsste das Landestheater dann bis weit in die 2030er-Jahre im Zelt auf dem Messegelände spielen – was angesichts des schon maroden und arbeitsrechtlich heiklen Ersatzbaus nicht möglich ist. Produktionen würden ausfallen, der Spielplan müsste ausgedünnt werden. Dem Theaterzweckverband mit seinen drei Spiel- und Finanzierungsstätten Landshut, Passau und Straubing drohte damit das Aus.
Doch die Proteste werden lauter. Bei knapp 13 000 Unterschriften ist die Online-Petition angelangt. Zusätzlich liegen bei jeder Vorstellung Unterschriftenlisten aus. Die Solidarität in der deutschsprachigen Kulturszene ist groß. Sollten die Niederbayern aufgeben, wäre die kulturelle Grundversorgung einer ganzen Region betroffen – dort, wo den Theaterfans die Reise nach Regensburg, Linz, Salzburg oder München zu weit und zu teuer ist.
Dabei ist das, was Intendant Stefan Tilch, früher Spielleiter an der Bayerischen Staatsoper und bestens vernetzt, bietet, mehr als bemerkenswert und durchaus konkurrenzfähig. Man nehme nur die jüngste Opernproduktion, die zuerst im Passauer Stadttheater herauskam. Kobie van Rensburg, der nach seiner Tenor-Karriere die Tischseite gewechselt hat, offeriert Gaetano Donizettis Königinnen-Kampf „Maria Stuarda“ in Personalunion als Regisseur, Ausstatter und Videokünstler.
Die beschränkten räumlichen Verhältnisse, auch die Tatsache, dass die Produktion nach Landshut und Straubing weiterwandern muss, all das stachelte den Südafrikaner gewinnbringend an. Es kommt zum virtuosen Spiel mit Projektionen und Videos, das auf verblüffende Weise historische Räume öffnet und vorgaukelt. Einmal registriert man schmunzelnd, wie Graf Leicester zum Orchesterzwischenspiel und per Film durch den nachtkalten Wald galoppiert.
Es darf also augengezwinkert werden, Kobie van Rensburg blickt da mit passend britischem Humor und Distanz aufs tödliche Geschehen. Aktualisierungen verbieten sich naturgemäß, das Personal bauscht und rauscht als Historienzitat über die Bühne – wie anders soll auch die Begegnung der englischen Königin Elisabetta und der von ihr inhaftierten schottischen Rivalin Maria Stuarda bebildert werden, zwischen denen Graf von Leicester als begehrtes Mannsbild steht und kniet?
Es wird sogar noch einen Tick historischer. Zu Beginn beider Teile lässt Kobie van Rensburg Madrigale von Morley, Vecchi und Dowland singen – Donizettis Belcanto-Partitur wird also aufreizend mit originaler Musik der Tudor-Zeit gebrochen und konfrontiert. Seine Sänger lässt der Regisseur in Ruhe. Das Steh- und Blicketheater geht in Ordnung, mehr hätte zur Wirkung der Videos nicht gepasst. Vor allem Karina Skrzeszewska als Elisabetta nutzt das für ein – auch vokal – formidables Rollenporträt. Margareta Klobučar, als Maria Stuarda eingesprungen, hält mit frostigem Sopranstrahl dagegen. Victor Campos Leal ergeht sich als Leicester beherzt in Italianità. Und Generalmusikdirektor Basil H.E. Coleman, der im Graben sonst nur kundig verbucht, hat beim Belcanto hörbar seine Lieblingsspielwiese gefunden: Mit der Niederbayerischen Philharmonie gibt’s einen knackigen, flexiblen, auf Dauer-Brio gepolten Donizetti.
Gerade solche Abende zeigen, was am Landestheater Niederbayern möglich ist – wenn die Kommunen dieses nicht mit Stadtratsbeschlüssen tödlich verwunden. Doch wer mit den Verantwortlichen spricht, merkt: Da ist auch Hoffnung. Gut möglich, dass bis zum 6. Dezember eine gemeinsame Lösung der Stadt Landshut und des Freistaats gefunden wird. Zu viel kann und will die Kommune nicht fordern. Einfach, weil sich das Land ohnehin schon mit 75 Prozent an den Sanierungskosten von gut 30 Millionen Euro beteiligt.
Andererseits: Der Freistaat hat sich kulturell in Schwaben (die Erhebung des Augsburger Theaters zum Staatstheater), in Franken (eine ebensolche Beförderung des Nürnberger Theaters plus die Beteiligung am Konzertsaal) und erst recht in München engagiert – jetzt sind eigentlich die Niederbayern dran. Die Alternative wäre ein ähnlich dunkles Ereignis wie vieles in der aktuellen „Maria Stuarda“. Es wäre der Rücksturz in die Theaterdiaspora.
Nächste Vorstellungen:
15., 16. November sowie 7., 8. Dezember (Landshut); 23., 24. November sowie 13., 14. Dezember (Passau);
www.landestheater- niederbayern.de.