„Die Lampe hat mein Nachbar“

von Redaktion

AUSSTELLUNG  Die Neue Sammlung zeigt „Ingo Maurer intim. Design or what?“

VON SIMONE DATTENBERGER

Das „Pendulum“ von Ingo Maurer, Auftragsarbeit des Design-Museums Die Neue Sammlung, zieht nun in der Rotunde der Pinakothek der Moderne, nach seinem Sommerauftritt erneut aller Augen auf sich. Der silberfarbene, ovale Körper ist keine Lampe, wie man beim Meister des Lichts vermuten könnte, sondern reflektiert es „nur“. Der Münchner Designer, der am 12. Oktober starb, war einer, der wagte, sich und seine Zunft infrage zu stellen. Also ließ er bei der rein stereometrischen Form des „Pendulums“ dem Licht die Freiheit.

So oder so, mit und ohne ihn wird es weiterleuchten – das wusste er. Jetzt wurde zum Bedauern aller ohne ihn die Ausstellung „Ingo Maurer intim. Design or what?“ im Paternoster-Saal der Neuen Sammlung eröffnet. Sebastian Hepting aus dem Maurer-Team beteuert jedoch, „dass es weitergeht – im Sinne Ingo Maurers. Das war auch sein Wunsch. Wir können uns mit seinem Werk identifizieren und brennen dafür.“ Außerdem gebe es noch so viele Ideen des „großen Meisters“, die verwirklicht werden könnten. In seinem „Lichtlabor“ würden so verschiedene Menschen zusammenarbeiten, da entstehe vieles.

Ingo Maurer, 1932 auf der Insel Reichenau geboren, und sein Team waren maßgeblich an der Inszenierung der Präsentation von über 80 Arbeiten vom Anfang 1966 bis 2019 beteiligt (Kuratorin: Xenia Riemann-Tyroller). Den Auftakt macht die berühmte „Bulb“, mit der Maurer das Licht der Lichtgestalterwelt erblickte. Schon damals setzte er Leuchtkörper und Lampenform in eine spielerische – in dem Fall eine ironische – Beziehung: Die Glühbirne selbst wird zum Lampenkörper – Pop Art lässt grüßen. 30  Jahre später schilderte Maurer die Glühbirne als Illusion. Die Leuchte „Wo bist du, Edison…?“ ist nur mehr ein Hologramm.

So sehr die Birne mit ihrem Drahteingeweide dem Gestalter am Herzen lag, so offen und engagiert, so fantasievoll und innovativ ging er ebenfalls mit anderen Leuchtmitteln um. Egal ob Leuchtstoffröhre, Halogen, LED (anorganische) oder OLED (organische Leuchtdiode). Dass diese lediglich ein winziger Teil des Spielmaterials waren, das Ingo Maurer nutzte, wissen seine zahlreichen Fans – „die Lampe habe ich meiner Frau geschenkt“, „die hängt bei meinem Nachbarn“. Und die anderen Besucher der dritten Pinakothek dürfen es entdecken: von Porzellan(-geschirr) bis Holz(-kleiderbügel), von Gänsefedern bis Kunststoff, von Aluminium bis Papier.

Dabei wilderte der „Design or what?“-Mann in der Natur genauso wie in der Bildenden Kunst. Das Seilsystem mit Halogenleuchten („YaYaHo“, 1984), das ihm den internationalen Durchbruch brachte und brutal oft kopiert wurde, wäre ohne den Minimalismus nicht denkbar; die „Schreibtischlampe“ von 1972 nicht ohne Dan Flavin; und „Whisper Wind“ (2014) nicht ohne Alexander Calder. Das Organische ist vertreten als Schmetterling und Mücke, als Keim, der aus der Erde drängt, als Blatt, das sich im Herbst zusammenrollt, und als Ei. Durch die Paternoster kann der Betrachter all die Ideen an sich vorbeigleiten lassen und ihnen hinterhersinnieren. Oder sich einfach freuen.

Bis 18. Oktober 2020

Di.-So. 10-18 Uhr; Telefon 089/23 80 53 60; Katalog, Koenig: 25 Euro.

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