Selbstverliebt

von Redaktion

Herbie Hancock zu Gast in der Philharmonie

VON REINHOLD UNGER

Bevor er Mitte der Sechzigerjahre begann, maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Jazzgeschichte zu nehmen, studierte Herbie Hancock Elektrotechnik. Seine Technikaffinität prädestinierte ihn zum Pionier in einer Zeit, als der Einsatz von Elektronik im Jazz innovativ war und man damit noch ästhetische Grenzen verschieben konnte. Wenn 50 Jahre später allerdings Technik- auf Selbstverliebtheit trifft, dann kann im schlimmsten Fall eine so verunglückte Karriere-Retrospektive herauskommen wie bei Hancocks Konzert in der Münchner Philharmonie.

Klassiker aus eigener Feder verquirlt Hancock mit jüngeren Stücken zu bis zu halbstündigen Medleys. Seltsam konturen- und spannungsarm blubbert da phasenweise ein zähklebriger Elektrobrei vor sich hin – aufgekocht nach einem Rezept, das in den Siebzigerjahren dank damals neuer Geschmacksaromen revolutionäre Frische besaß, aber schon in den Achtzigern etwas abgestanden schmeckte. Gitarrist Lionel Loueke, eigentlich ein Ausnahmetalent, muss sein Instrument und seine Stimme meist durch ein absurdes Sammelsurium an Effektgeräten schicken. Singen will jetzt auch Hancock selbst, natürlich elektronisch verfremdet. Zum abschließenden „Cantaloupe Island“ traktiert Hancock sein Umhänge-Keyboard Key-tar mit Sounds aus der Synthi-Mottenkiste, die ungefähr so modern sind wie Schlaghosen und Batikhemden. Nur die junge Flötistin Elena Pinderhughes darf dem Naturklang ihres Instruments vertrauen und für seltene improvisatorische Lichtblicke sorgen.

Ist es vermessen, einem Oscar- und 14-fachen Grammy-Gewinner zu einem Dramaturgen zu raten oder gar zu einem Geschmackscoach? Es ist vor allem traurig, dass man überhaupt auf die Idee kommt.

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