Auf dem rechten Farbfleck

von Redaktion

Das Lenbachhaus wirft einen neuen Blick auf seinen 19. Jahrhundert-Bestand

VON SIMONE DATTENBERGER

Bloß keinen „Spinat“! Der Ausruf stammt nicht von einem aufmüpfigen Buzerl. Gestandene Landschafter drückten damit ihre Abneigung gegen simples Grün aus der Tube aus. Und in der Tat: Weder Alexandre-Gabriel Decamps noch Théodore Rousseau oder Wilhelm Trübner und Johannes Sperl griffen für ihre Wiesen, Wälder und Büsche zu „Spinat“. Dafür zauberten sie so viele Grüntöne auf ihre Leinwände, dass sich der Besucher gar nicht sattsehen kann.

Das Münchner Lenbachhaus wagt unter dem Titel „Das Malerische – Die Kunst, die richtige Farbe auf den richtigen Fleck zu setzen“ einen aufgefrischten Blick auf seine Bestände aus dem 19. Jahrhundert (wohl zwei Jahre so zu sehen). Museumschef Matthias Mühling und die zuständige Sammlungsleiterin Karin Althaus möchten allerdings nicht auf dem üblichen kunsthistorischen Pfad weitertrampeln. Sie wollen das Museumspublikum eher zum „kontemplativen Schauen“, zum „autodidaktischen Schauen“ verführen. Anders ausgedrückt: Wer gescheit hinschaut, hat mehr vom Bild – und hat Recht, egal, was die Experten sagen. Althaus beschränkt sich dabei in etwa auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, das sie ins 20. hinüberlappen lässt. Das ist typisch Lenbachhaus, „denn hier wurde das 19. Jahrhundert immer gelesen als: vor der Moderne“, erklärt Mühling.

Wenn der Besucher also „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ vor einem Gemälde spielt, dann entdeckt er nach und  nach,  wie es der jeweilige  Maler gemacht hat. Zu dem Wie gehört  das Handwerkszeug, insbesondere die Farben. In einer Tischvitrine deuten Tuben und Döschen an, dass die damalige Industrie endlich fähig war, chemische Verfahren zur Farbgewinnung massentauglich umzusetzen. Es findet sich auch das Buch „Farbwarenkunde“ mit Farbkarte, die sogar unterschiedliche Grüntöne anbietet – obwohl man die Farbe doch aus Gelb und Blau selbst mischen kann. So oder so, „Spinat“ kam nicht zum Einsatz.

Natürlich begrüßt die neu inszenierte Sammlungsabteilung den Betrachter nicht mit schnöder Materialkunde, sondern mit einem Paukenschlag – der mit solch Material gelingen kann: wenn der Künstler weiß, auf den rechten Fleck die passende Farbe zu platzieren. Lovis Corinth stürzte sich 1911 mit seinem „Hymnus an Michelangelo“ in einen Farbrausch. Den nehmen wir zunächst als Chaos wahr. Dieser Punkrock für die Augen fegt uns zwar fast vom Boden, ordnet sich aber doch schnell. Botanisch Begabte  werden fast alles zwischen Iris und Herbstlaub, Mohn und Pfingstrosen entschlüsseln; der Farbfreund genießt Rotton-Varianten, -Spannungen und -Ballungen; und der Antikenkenner goutiert das edle Weiß der Skulptur, grübelt außerdem, ob Michelangelo dabei den Barberinischen Faun abgekupfert hat.

Wenn man danach die frühen Revoluzzer des 19. Jahrhunderts, die Freiluftmaler von Barbizon, aus der Stiftung Heilmann betrachtet, erkennt man das bewusste Sich-fallen-Lassen in die Malerei. Sie nutzt eine Böschung, eine Baumgruppe, Halme und Wolken, um sich selbst auszuprobieren. Eigentlich schmeckt sie Farben, Linien, Flächen und Schattierungen ab. Dabei ertastet die Malerei, dass die Rinde genauso gemalt werden kann wie ein Gesicht, wie ein Fels. Vielleicht empfand der junge Franz von Stuck genau diese Freiheit, als er 1888 direkt auf sein Bild „Die Wilde Jagd“ schrieb: „Mein erstes Ölgemälde“.

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