Coole Wampe, kann man da nur sagen! Denn Christoph Franken, der hier den Göttervater Jupiter als versifften Zausel spielt und meist mit nacktem Oberkörper rumeiert, schiebt einen derart mächtigen Bierbauch vor sich her, dass man ihn daran problemlos unterscheiden kann vom schlanken Thebaner-Feldherrn Amphitryon (Florian von Manteuffel). Insofern verwundert es doch, dass dessen Gattin Alkmene (Pia Händler) nicht imstande ist, den göttlichen Betrug zu durchschauen, bei dem Jupiter sie „in Gestalt des Amphitryon“ vernascht.
Diese dickbäuchige Absurdität ist allerdings zunächst mal das einzig Komische an Julia Hölschers Inszenierung von Heinrich von Kleists „Amphitryon“, die vor zwei Jahren in Basel herauskam und jetzt mit dem Intendanten Andreas Beck ans Münchner Residenztheater wanderte. Offenbar hat die Regisseurin vor lauter Bierbauch diese abgründige Verwechslungskomödie viel zu bierernst angepackt. Da blitzt und funkelt nichts, da werden die herrlichen, in allen Gelenken beweglichen Kleist-Verse so kunsthandwerklich aufgesagt, als hätte man vergessen, die Sprache zu ölen.
Andererseits nimmt die Regie das Stück aber auch nicht ernst genug: Dass Komik und Lachen hier, wie so oft, der Bannung eines archetypischen Schreckens dienen, spürt man schon darum nicht, weil die Inszenierung eben kaum Anlass zum Lachen gibt. Erst gegen Ende nimmt der unverbindliche Abend vorsichtig Fahrt auf, wenn sich die Akteure trauen, ein wenig aus der darstellerischen Konvention herauszutreten und einen zarten Anflug von Albernheit erkennen zu lassen. Ansonsten aber wirkt die furchtbar verhaltene Ästhetik der Aufführung wie aus der späten Dieter-Dorn-Ära übrig geblieben, nur mit dem Unterschied, dass die Schauspieler dem damaligen Dorn-Ensemble nicht das Wasser reichen können. Ohne jeden Deutungsversuch und so unsäglich brav lässt Julia Hölscher das geniale Stück runterspielen, dass man allen Beteiligten für die Zukunft zurufen möchte: In München dürft ihr euch schon ein bisschen was trauen, hier muss es nicht so bieder-traditionell zugehen wie in der Schweiz!
Ein wirklicher Lichtblick ist an dem Abend nur das großartige Bühnenbild von Paul Zoller. Er hat eine riesige, leicht vibrierende Spiegelfläche aufgestellt, in der zunächst der ganze Zuschauerraum mit dem Publikum verdoppelt wird – so wie ja auch die menschlichen Helden der Geschichte sich unerwartet durch die Götter verdoppelt sehen, frei nach dem Motto: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Später kippt der Spiegel dann nach oben, sodass wir das Geschehen auf der Bühne, wo die Figuren um eine rostige Trennwand herumtanzen, sowohl von vorne, als auch aus der Vogelperspektive wahrnehmen: ein Bild für Götter quasi. Freundlicher Applaus.
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