Einst hat diese Frau vielleicht selbst auf einen beschwanten Ritter gewartet. Seither schiebt sie Beziehungsfrust, muss sie sich doch mit einer Niete trösten. Abgehärtet wurde sie durch diese Vergangenheit, was sich aber nicht im Klang niederschlägt: Karita Mattila als Ortrud, das ist nie stählerne Attacke, sondern Florett und reinster dunkler Vokalsamt. Wo’s nötig ist, gibt es Eruptives, doch dies immer klug kontrolliert – ein starkes Debüt.
Erstmals singt die Finnin Wagners Zauberweib, wofür sie sich die „Lohengrin“-Wiederaufnahme an der Bayerischen Staatsoper ausgesucht hat. Die Ortrud der Mattila ist der einzige echte Kerl auf der Bühne. Eine Mixtur aus gefallener Elsa und einer Diva, die einem Hitchcock-Film entlaufen scheint. Und ein raumgreifendes Porträt, mit jeder (Vokal-)Faser erfühlt, das die Kollegen offenbar anstachelt: Anja Harteros (Elsa) und Klaus Florian Vogt (Lohengrin), ohnehin führende Rollenvertreter, steigern sich noch zur Ausnahmeform. Jede Phrase, jede Silbe ist abgeschmeckt aufs dramatisches Potenzial und wird auch so gestaltet. Wer diese drei Solisten erlebt, begreift, was Wagner einst mit dem Begriff „Gesamt- kunstwerk“ meinte.
Wolfgang Koch gibt als Telramund wieder effektvoll den dumpfen Bullen, Christof Fischesser ist ein nobler, kerniger König Heinrich. Lothar Koenigs am Pult lässt den ersten Akt ein wenig durchhängen, findet dann zu immer größerer Verdichtung, Dramatik und Differenzierung. Kaum auszudenken, hätten es diese Sänger mit einer echten Inszenierung zu tun: Die Regie von Richard Jones bleibt die (geistes-)schlichteste Produktion der Staatsoper. Und offenbart, dass dieses Haus bis auf den „Fliegenden Holländer“ und einige „Ring“-Szenen in der Wagner-Flaute dümpelt. MARKUS THIEL
Weitere Aufführungen
am 24. und 30. November;
Telefon 089/2185-1920.