So unvermittelt, wie er Ende der Siebzigerjahre als Wunderkind am Pop-Himmel auftauchte, so abrupt verschwand Prince Rogers Nelson im Frühjahr 2016 von der Bildfläche wie ein Phantom – Tod durch Überdosis Schmerzmittel mit nur 57 Jahren. Dazwischen: unfassbare 42, mitunter weltbewegende Studio-Alben, Tonnen unveröffentlichtes Material, sagenumwobene Konzerte und ein Dasein als Mysterium. „Ich bin etwas, das Du nie verstehen wirst“, hatte er 1984 in „I would die 4 u“ gesungen und viel dafür getan, nicht durchschaut werden zu können.
Umso verblüffender war die Nachricht, der Meister der Verschleierung habe bis kurz vor seinem Tod an einer Autobiografie gearbeitet. Das war nicht ganz falsch, aber wie man in dem nun erschienenen Buch „The beautiful Ones“ von Co-Autor Dan Piepenbring erfährt, nur die halbe Wahrheit. Prince wollte tatsächlich bahnbrechende Memoiren schreiben. So wie er in der Musikbranche sein eigenes Genre war, so wollte er das Verlagsgeschäft revolutionieren. Darunter ging es für den genialischen Größenwahnsinnigen nicht.
Nach ersten etwas erratischen Treffen knallt Prince Piepenbring 20 handbeschriebene Seiten hin, Erinnerungen an seine Kindheit, Jugend, die Eltern und die Stimmung in den USA in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Es sollte der Beginn und die Grundlage des Buchs sein. Kurz darauf war Prince tot, und Piepenbring fügte dieses furiose Manuskript mit seinen Erinnerungen an die wenigen Treffen, Interviewausschnitten, vielen Notizen und Fotos aus dem Privatarchiv zum faszinierenden Konglomerat zusammen. In seinen eigenen Worten und in ausgefallener Schreibweise offenbart Prince eine Offenheit, die man kaum mit dem Fabelwesen in Einklang bringen kann, als das er sich inszenierte. Unverblümt beschreibt er das Gefühl der Zerrissenheit zwischen den Eltern, zwei starken, aber gegensätzlichen Charakteren, die sich das Leben mit Hingabe zur Hölle machen. Die extrovertierte, lebenshungrige Mutter und der fordernde, talentierte Vater machen aus Prince ein Zwitterwesen, das beiden nacheifern will.
Trotz des oft androgynen Auftretens und der Freude an der Provokation ist Prince hinter Frauen her, seit er denken kann. Früh und handfest aufgeklärt, ist Prince benebelt von weiblichen Reizen und schreibt auffallend lebendig von Liebschaften. Noch Jahrzehnte später scheint ihn die Erinnerung zu übermannen, gleichzeitig wollte er sich nie in der Liebe verlieren – die Lehre aus der Beziehung seiner Eltern. Wie nebenbei beschreibt Prince seine Leidenschaft für die Musik, welche Bedeutung es hat, den Klang zu finden, der einen von anderen unterscheidet.
Ein exorbitantes Selbstbewusstsein blitzt immer wieder auf. Der Mann wusste um seine spezielle Begabung. Und, etwas überraschend: Er zeigt Respekt für andere Künstler, die „alpha“ sind, etwa für Michael Jackson. Atemberaubend sind die vielen Notizen und Skizzen, die als Faksimiles abgedruckt sind. Prince hatte schon sehr früh eine sehr präzise Vision von seinem Image. Am berührendsten sind die bislang unbekannten Jugendfotos: Statt des entrückten Fürsten des Funk blickt einen da ein sehr nahbarer junger Mann an, der viel vorhat und weiß, dass er die Welt aus den Angeln heben kann.
Prince:
„The beautiful Ones“. Aus dem Amerikanischen von Claudia Wuttke und Eike Schönfeld. Heyne Verlag, München,
304 Seiten; 32 Euro.