Trauer und Tristesse

von Redaktion

Uraufführung des Auftragswerks der Münchner Philharmoniker

VON MAXIMILIAN MAIER

Nicht zu viel nachdenken soll das Publikum über „Alone, I return from the Night“ von Ayal Adler, lieber fühlen. Das sagt zumindest Omer Meir Wellber, Dirigent dieses Auftragswerks der Münchner Philharmoniker. Tatsächlich ist das der richtige Ansatz für die sehr atmosphärische Musik dieser Uraufführung. Adler hat drei Lieder komponiert, basierend auf Gedichten von David Vogel. Der Autor war im Ersten Weltkrieg in einem Internierungslager gefangen, 1944 wurde er in Auschwitz ermordet.

Die verwendeten Gedichte zeigen düstere, allegorische, angstgetränkte Verzweiflung. Adler wird dem in allen drei Liedern mit ähnlichen Mitteln gerecht: Klangteppiche in den Streichern, Flatterzungen in den Flöten, punktueller Einsatz von Xylo-, Metallofon und Glocken. Der Komponist steigert die Drastik mit jedem Lied, Sopranistin Hila Baggio ahmt mit lauten, hohen Tonrepetitionen Schreie nach, droht – symptomatisch – in den Orchesterwogen unterzugehen. Am Schluss öffnet sich laut Text ein Tor. Die Musik macht unumwunden klar: Dahinter kann nur der Horror warten. Erstaunlich, dass Wellber (Foto: Felix Broede) am Schluss die Spannung nicht länger hält. Energie verleiht er der „Missa in angustiis“ von Haydn genug. Durchgehend rasant, knackig und ziemlich laut mäht er über die Komposition. Die titelgebende „Bedrängnis“ der napoleonischen Kriege ist damit beeindruckend wiedergegeben. Aber was ist mit dem Flehen, dem Gotteslob, geschweige denn einer tieferen religiösen Dimension?

Mit bestens disponiertem Philharmonischem Chor und inhomogenem Solistenensemble (Camilla Tilling, Katija Dragojevic, Martin Mitterrutzner, Ain Anger) findet Wellber, der irritierenderweise vom Hammerklavier aus begleitet, zu wenige Farben und Schattierungen. Anders als noch in Haydns Symphonie Nr. 49 „La Passione“. So steht am Ende dieses klug disponierten, herbstlich-tristen Programms leider eine Themaverfehlung.

Artikel 5 von 6