Gleich der erste Satz ist eine Enttäuschung: Nein, sie werde sich jetzt nicht vor dem Publikum ausziehen, verkündet die junge Schauspielerin Liliane Amuat im Münchner Marstalltheater. Wir dürften uns aber, gestattet sie, gerne vorstellen, wie sie nackt aussieht. So eine Frechheit, denn schließlich besucht man doch die Theatervorstellung, um sich nicht selber erst umständlich etwas vorstellen zu müssen.
Aber keine Angst, die Enttäuschung mit Ansage ist natürlich augenzwinkerndes Konzept, und in Wirklichkeit erweist sich Bastian Krafts „Lulu“-Adaption nach Wedekind als fulminante, kluge, witzige Frischzellenkur, die den verstaubten Stoff aus der kulturhistorischen Museumsvitrine holt. Denn auch, wenn diese Geschichte einer männermordenden Femme fatale zu ihrer Entstehungszeit vor 120 Jahren ob ihrer „Freizügigkeit“ und Provokation der herrschenden Scheinmoral ein revolutionäres Skandalstück war: Im Abstand gesehen, haftet Wedekinds „Monstretragödie“ selbst die Miefigkeit jenes Zeitgeistes an, den sie attackiert, und das macht den Text oft ungewollt komisch. Lulu, das blutjunge Weibstier, dem alle Männer und eine lesbische Gräfin hörig werden – das mutet heute eher wie eine verklemmte Pornovorlage an.
Aber dieses Klischee als Uropas Männerfantasie zu outen, entspricht seinerseits dem Zeitgeist unserer Tage und ist längst Usus im höheren Showbusiness. Das zeigt Bastian Kraft, indem er „Lulu“ konsequenterweise als eine Art Zwanziger-Jahre-Revue inszeniert, als Tingeltangel und Abnormitätenschau. Liliane Amuat, Juliane Köhler und Charlotte Schwab, die hier zu dritt die Titelheldin geben, treten folglich mit Stöckelschuhen, schwarzem Frack und Bubikopf auf. Und natürlich werden die ausgewählten Szenen des Stücks von diesen wunderbaren Darstellerinnen nicht illusionistisch gespielt, sondern eher im Gestus des epischen Theaters vorgeführt.
Wenn die drei Damen dazwischen über das Stück plaudern, dann fungiert dieser Diskurs als Conférence – ist also selbst Teil der Show. Weil es eben längst auch schon zu unseren Vorstellungen vom zeitgenössischen Theater gehört, dass dort übers Theater reflektiert wird; weil die Illusionsbrechung und Erwartungs-Zertrümmerung sich ihrerseits allmählich zur Konvention eindickt, die dann als solche ausgestellt werden muss. So unterhaltsam wie an diesem Abend gelingt das allerdings selten.
Denn eine Schau ist die „Lulu“-Show vor allem auch, weil sie auf virtuose Weise zeigt, was die Theaterzauber-Trickkiste alles an Sensationen zu bieten hat: Bei ansonsten leerer Bühne werfen die Akteurinnen riesige schwarze Schatten auf die weiße Rückwand, die in ihrer Präzision an biedermeierliche Scherenschnitte erinnern. Allmählich driftet das Schattenspiel dann in die quietschbunte Ästhetik poppiger Videoclips, um schließlich in eine boulevardeske Filmkomödie zu münden. In der sind die drei Darstellerinnen dank künstlicher Bärte und Glatzen so verblüffend überrealistisch in die verschiedenen männlichen Figuren des Stücks verwandelt, dass man den Maskenbildnern fast schon Genialität attestieren muss. Hinter den Pennern, Pennälern, Kunstturnern, Lakaien oder Chefredakteuren, die sie darstellen, sind die Schauspielerinnen praktisch nicht wiederzuerkennen. Das ginge nur, wenn sie sich doch noch auszögen. Herzlicher Applaus.
Nächste Vorstellungen
am 25., 28. 11. und am 1., 4., 5. 12.; 089/ 21 85 19 40.