Rutschpartie ins Glück

von Redaktion

PREMIERENKRITIK  Leonie Böhm inszenierte „Die Räuberinnen“ für die Kammerspiele

VON MICHAEL SCHLEICHER

Am Ende, wenn sie durch die regennassen böhmischen Wälder tollen, haben diese Menschen alles hinter sich gelassen: Angst, Sorgen, Konkurrenzdenken, Konventionen. All jene Einschränkungen, Vorsätze und Regeln, die unser Leben leiten, lenken, lähmen. Die Räuberinnenbande auf der Bühne der Münchner Kammerspiele, die jetzt unbeschwert über den Boden glitscht, kümmert das nicht mehr. Sie hat sich befreit, ist frei.

Es ist das poetische, furiose und, ja, wahrhaftige Schlussbild einer bemerkenswerten, komischen und berührenden Inszenierung. Leonie Böhm hat sich „Die Räuber“ (uraufgeführt 1782) vorgenommen und zusammen mit ihren Mitstreiterinnen einen Kern des Dramas destilliert. Schiller (1759-1805) stellt die Frage nach Freiheit: Wie kann der Mensch sie erreichen? Im Spiel, wie er in seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ 1795 ausführt. Im fünfzehnten Brief heißt es: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Genau hier setzt Böhm an. Spielend überwinden die Akteurinnen während dieses gut 90 Minuten langen Abends, der am Samstag Premiere feierte, alle Einschränkungen. Die Regisseurin und ihre Dramaturgin Helena Eckert haben die Vorlage als Materialsteinbruch genutzt. Sie erzählen ihre Emanzipationsgeschichte entlang der verfeindeten Brüder Franz und Karl Moor, des Räubers Spiegelberg und Amalias, der ursprünglich einzigen Frau im Stück. Sehr frei nach Schiller, im ungezwungenen Spiel mit dessen Text.

In kurzweiligen Soli erfahren wir, dass Franz (Eva Löbau) doppelt leidet: an seiner Hässlichkeit und dem Desinteresse des alten Moor. Und das, obwohl er sich neue Trekkingsandalen gekauft hat, „Mein Vater liebt gut ausgerüstete Frauen.“ Doch auch der strahlende Karl (Julia Riedler) ist unfrei, gleichwohl es ihm mühelos gelingt, die übergroße Wolke nach oben zu stemmen, die Zahava Rodrigo schwer lastend über der Bühne hängen lässt. Kraft und Aussehen können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Karl kaputtgeht unter dem Druck, stets gefallen zu müssen. Aufgeweckt aus ihrem Jammertal werden die Brüder von Amalia (Sophie Krauss), die in Herren-Feinripp-Unterhose und mit aufgeknöpftem Body (Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff) so gar nichts Liebliches an sich hat – und daher umso spannender ist.

Es ist eine Freude, wie dieser erste Teil zwischen Albernheit und Analyse pendelt. Natürlich erzählt das Team, das auf und hinter der Bühne ausschließlich weiblich besetzt ist, an diesem Abend auch sehr viel über das Frauenbild in unserer Gesellschaft. Doch sind die „Räuberinnen“ in keinem Moment verkopft, didaktisch oder denunzierend, sondern stets unterhaltsam entlarvend. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich Gro Swantje Kohlhof, Sophie Krauss, Eva Löbau, Julia Riedler sowie die Musikerin Friederike Ernst mit großer Leichtigkeit und kreativer Lust in die Inszenierung stürzen. Die Darstellerinnen gestalten ihre Monologe prägnant und pointengenau. Noch mehr Freude scheint ihnen jedoch das Ensemblespiel zu machen.

Das findet seinen Höhepunkt bei einer „Traumreise“, auf die Spiegelberg die Räuberinnen schickt. Dabei stimmt Kohlhof, die längst die Mitte des Parketts erobert hat, die schönsten Fangesänge an, die je in einem Theater zu hören waren („Wer schreibt die besten gefälschten Briefe der Welt? Franz Moor! Franz Moohoohor!“), und zeigt ihr Talent als Situationskomikerin.

„Wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache“, nimmt Franz Moor im ersten Akt der „Räuber“ für sich in Anspruch. Für die „Räuberinnen“ ist das der Aufruf zur Selbstverwirklichung. Ohne Scham. Ohne Hintergedanken. Ohne Zwang. Auf der regennassen Bühne rutschen die fünf „Menschengesichter“ hinein in diese schöne Utopie. Und mit einem Mal ist die in ihrem Spiel ganz real. Langer, tosender Applaus.

Nächste Vorstellungen

am 29. November sowie am 4., 11., 16., 18. und 26. Dezember; Telefon 089/233 966 00.

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