Aufgeben gilt nicht

von Redaktion

Rocklegende Tina Turner feiert heute ihren 80. Geburtstag

VON ZORAN GOJIC

Tina Turner mag das Lied nicht. Von Anfang an. Bis heute hat sich das nicht geändert. Aber „What’s Love got to do with it“, ihrer ersten weltweiten Nummer eins, verdankt sie 1984 ihre Rettung. Tina Turner ist damals am Ende. Ihre ersten zwei Solo-Alben nach dem Ende der Ehe mit Ike Turner sind 1978 und 1979 desaströs gefloppt, sie gilt als Frau von gestern und muss Sozialhilfe beantragen. Ein Ex-Star, der seine besten Jahre hinter sich hat, wie viele andere auch in dem gnadenlosen Geschäft, so scheint es.

Aber Turner ist keine Frau, die zum Aufgeben neigt. Unterstützt von einem neuen Manager, der bedingungslos an sie glaubt, erspielt sie sich mit unzähligen spektakulären Kleinkonzerten in Großbritannien treue Fans. Die Rolling Stones nehmen sie mit auf Tour, weil sie sicher sein können, dass Turner das Publikum zuverlässig zur Raserei treibt. Als sie 1983 wieder eine Single veröffentlichen kann, wird das überraschend ein Hit in Europa. Ihre Version von Al Greens „Let’s stay together“ stürmt die Top Ten im Vereinigten Königreich.

Die Plattenfirma will die Gunst der Stunde nutzen und drängt auf ein Album – in weniger als zwei Wochen ist „Private Dancer“ fertig, ein Meilenstein der Popmusik. Erste Single-Auskopplung: das von Turner ungeliebte „What’s Love got to do with it“. Es folgen, reichlich unerwartet, goldene Dekaden, die Turner zum Weltstar machen. Sie ist dankbar und absolviert diszipliniert, was man von ihr erwartet. Liefert meist radiotaugliche Popmusik, die dank ihres explosiven Gesangs anders klingt als sonstige radiotaugliche Popmusik. Sie tourt mit dem Ruf einer Live-Sensation unermüdlich um den Globus und füllt bald Stadien. In Brasilien einmal sogar das legendäre Maracana-Stadion. 188 000 zahlende Fans jubeln ihr zu. Turner ist zufrieden, aber ein klein wenig hadert sie mit sich. Die Musik ist ihr gelegentlich zu glatt, und der Gedanke, als Frau von bald 50 immer in betont sexy Outfits aufzutreten, behagt ihr nicht recht. Doch wer einmal Sozialhilfeschecks einlösen musste, setzt die Karriere nicht leichtfertig aufs Spiel.

Letztlich holt sich Turner in der zweiten Lebenshälfte zurück, was man ihr anfangs vorenthalten hat. In einfachsten Verhältnissen als Anna Mae Bullock in Nutbush, Tennessee geboren, steht sie zwar schon als Teenager auf der Bühne, aber eben mit Ike Turner. Als Musiker hochbegabt, als Mensch ein Reinfall.

Er heiratet Anna Mae, verpasst ihr den Vornamen Tina und wird mit ihr ein Power- Paar. Ike und Tina Turner haben in den Sechzigerjahren Erfolg mit der wirksamen Formel, weißen Pophits ordentlich Seele und Pfeffer zu verpassen. Aber das Geld bleibt bei Ike, der seine Frau zudem regelmäßig verprügelt. 1976 hält es Tina Turner nicht mehr aus, flüchtet vor ihrem Mann – mit nichts als ihrem Namen. Um den behalten zu können, verzichtet sie auf alle Ansprüche an Ike.

Noch einmal von vorn anzufangen und es zu schaffen, das ist die persönliche Genugtuung von Tina Turner, die seit 1994 mit ihrem neuen deutschen Ehemann in der Schweiz lebt. Nach einem triumphalen Vierteljahrhundert lückenloser Erfolge und gut 60 Millionen verkauften Tonträgern zieht sich Turner 2009 ins Privatleben zurück. Ab einem bestimmten Alter sei es einfach würdelos, so zu tun, als sei man ein Rockstar, sagt sie. Es wird kein beschaulicher Ruhestand für die praktizierende Buddhistin. Es folgen ein Schlaganfall, Krebs, eine Nierentransplantation und der Suizid des ältesten Sohnes. Aber Tina Turner hält auch das stoisch aus. Heute feiert sie ihren 80. Geburtstag – als glückliche Frau. Und sie bleibt „Simply the Best“.

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