Kunst gegen Schwulst

von Redaktion

AUSSTELLUNG Das Museum Penzberg zeigt „Zen, Zero & Co – abstrakt seit 1949“

VON SIMONE DATTENBERGER

„Der Sammler kam mit einer Exceltabelle auf mich zu und bat mich darum, etwas daraus zu machen.“ Noch immer überrascht, erzählt das Kuratorin Katja Sebald; schließlich waren auf der Liste zig Werke von Malern, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs abstrakt loslegten – und ihre Kunst(-sicht) allen lebhaft nahebringen wollten. Das war damals auch eine Tat, die Freiheit und Demokratie unterstützte. So wurde aktiv gegen das Gift des „Entartete Kunst“-Denkens angegangen. Und das in Bayern bereits 1949. Diesen Umstand greift nun das Museum Penzberg – Sammlung Campendonk mit der Ausstellung „Zen, Zero & Co – abstrakt seit 1949“ auf. Gewissermaßen eine Fortführung der Schau „Campendonk 1919“, die ebenfalls mit einem Kriegsende und einer künstlerischen Reaktion darauf zu tun hatte.

Sebald und Museumsleiterin Freia Oliv, auch Mitarbeiterin unserer Zeitung, konnten bei ihrem Projekt aus dem Vollen der Sammlung Kaske schöpfen, unterstützt durch das Vertrauen von Joachim Kaske. Er sorgte obendrein für Passepartouts und einheitliche Rahmung. So war die Präsentation für das Museum finanziell zu stemmen. Sebald bekennt, dass „sie beglückt“ gewesen sei, und freut sich darüber, dass der Sammler über den eigenen Schatz „selbst erstaunt“ gewesen sei. Oliv konnte diesen Reigen vom Berliner Max Ackermann (1887-1975) bis zum Wahl-Dießener Fritz Winter (1905-1976) aus dem eigenen Bestand ergänzen, und zwar aus der Sammlung Gerhard Fietz (1910-1997). Sie werde jetzt inventarisiert, berichtet sie, und für kommenden Sommer sei eine extra Ausstellung geplant.

Fietz gehörte zur Künstlergruppe „Zen 49“, die er mit Willi Baumeister, Rolf Cavael, Rupprecht Geiger, Willy Hempel, Brigitte Meier-Denninghoff und Winter gegründet hatte. Sogar Geigers Manifest, der nie ein Mann vieler Worte war, findet sich in der Ausstellung: nicht einmal eine ganze Din-A4-Seite voll, unbeholfen getippt, aber von Zen-philosophischer Poesie. Gedanken-Assoziationen, die wunderbar zu Kandinskys und Marcs „Blauer Reiter“-Ideen passen. Und so verstecken sich in den gezeigten Werken – vor allem Grafiken – durchaus Anspielungen auf Kandinskys frühe wolkige Weichheit oder Klees Schwebe- und amorphe Figuren.

Die „Zero“-Truppe um Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker formierte sich rund zehn Jahre später in Düsseldorf. Die Haltung des Weniger-ist-mehr war sicher auch eine Reaktion auf die hohle Opulenz der NS-Propagandakunst  und auf die Hilflosigkeit gegenüber Schoah und Kriegszerstörung. Der heutige Betrachter wird vor allem an Meditation und Achtsamkeitsstrategien denken, wie Freia Oliv anmerkt. In der Tat lösen Bilder, die mit gestischen Linien nahe an der Kalligrafie, sanften Schattierungen oder sogar mit einem Fast-Nichts spielen, große Stille und Entspannung beim Betrachter aus. Am tiefsten Ruhepunkt lauert aber der Knaller. Sebald und Oliv lassen nebenan Farbexplosionen zu – ob skulptural konturiert wie bei Geiger oder Flower-Power-flockig wie bei Piene.

Hier wird deutlich, dass die Kuratorinnen nicht nur die Nachkriegsjahre ins Gedächtnis rufen, sondern sehr wohl zeigen, dass die Sprache des Ungegenständlichen über die Jahrzehnte bis heute benutzt wird und vital ist. Deswegen sind einige zeitgenössische Künstler wie der humorvolle Holzbildhauer Hans Panschar in der Schau präsent.

30. November bis 1. März 2020,

Di.-So. 10-17 Uhr; Begleitprogramm: www.museum-penzberg.de

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