Eine Säule des Gärtnerplatztheaters ist der Kinderchor. Ein musikalisch und szenisch erstaunlich flexibles Ensemble. Zweimal pro Woche wird geprobt, bis zu ein Dutzend Produktionen müssen gleichzeitig betreut werden. Die rund 60 Nachwuchssängerinnen und -sänger werden von Verena Sarré einstudiert. Seit 2004 ist sie am Haus. Im August war das Ensemble sogar auf Gastspielreise in China. Dieses Tourneeprogramm mit Ausschnitten aus „Hänsel und Gretel“, „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“, „Drei Männer im Schnee“ und „Die Zauberflöte“ ist an diesem Sonntag, 11 Uhr, im Gärtnerplatztheater zu erleben.
Es heißt, in den Familien würde nicht mehr gesungen. Ist das auch Ihre Erfahrung?
Leider. Die musikalische Prägung ist enorm wichtig. Wir müssten eigentlich nicht nur mit den Familien beginnen, sondern auch Kindergärtner und Lehrer entsprechend ausbilden. Das Potenzial bei Kindern ist vorhanden, es wird nur zu wenig geweckt.
Nun sind Sie ja mit dem Idealfall konfrontiert. Sie müssen keine Basisarbeit mehr betreiben.
Genau. Die Kinder unseres Chores lernen früh auch ein Instrument. Sie achten zum Beispiel bei der Geige auf die Intonation oder wissen, dass ein Klavier singend gespielt werden sollte. Singen ist also etwas Elementares und sollte zu jeder musikalischen Ausbildung gehören. Es wird dadurch auch die Persönlichkeitsbildung gefördert.
Kann wirklich jeder singen?
Absolut. Je früher mit der musikalischen Prägung begonnen wird, desto besser. Es geht hier nicht unbedingt ums angebliche Nichtkönnen, um Scheu oder Verspannungen: Wenn Eltern ihren Kindern etwas vorsingen, wird das zur Selbstverständlichkeit.
Welche Voraussetzungen benötigt ein Kind für Ihren Chor?
Es muss intonationssicher sein und eine gute Auffassungsgabe haben, weil alles auswendig gesungen werden und man sich szenische Details merken muss. Ich verlange beim Vorsingen kein bestimmtes Lied oder frage Intervalle ab. Es soll sich alles angstfrei entwickeln. Das Kind darf sich aussuchen, was es gerne singt. Wir haben wie beim Ballett ein Nachwuchsproblem bei den Jungs. Auch weil da manchmal dieser dumme Hintergedanke ist: Wer so was macht, ist schwul. Wir versuchen einen angstfreien Raum zu schaffen, sodass es für Buben lohnend ist mitzumachen.
Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote? Wer macht nach dem Kinderchor weiter im musischen Bereich?
Auch hier mehr Mädchen als Burschen. Die Quote insgesamt liegt bei zehn Prozent, dazu zähle ich auch Musikwissenschaftsstudenten, Journalisten oder das Marketing. Sie alle haben sich das Theatervirus eingefangen, gerade weil sie so viele Gewerke kennengelernt haben.
Es gibt eine breite Altersstruktur in Ihrem Chor. Verursacht das Probleme?
Nein. Was zeigt, dass unsere Schulen in dieser Hinsicht etwas verpassen: Die Jüngeren lernen von den Älteren, und den Älteren wird bewusst, dass sie auch einmal jung waren. Gerade im musischen Bereich sollte viel mehr altersübergreifend unterrichtet werden.
Fühlen Sie sich als Ersatz für das, was in der Schule schiefläuft?
Ich glaube, dass viele Eltern froh sind, dass es so etwas wie diesen Chor gibt. Aber die Schulen könnten ja ähnliche Projekte starten, egal ob es sich um Musik oder Sport handelt. Wichtig ist, dass solche Unternehmungen ein Ziel haben. Wenn den Kindern klar wird, dass sie in vier Wochen „Tosca“ singen müssen, dann sind sie sofort unfassbar motiviert.
Wie lange müssen Sie für eine Produktion üben?
Der Vorlauf liegt bei vier bis fünf Monaten. Bei den vielen Produktionen am Haus habe ich keine andere Chance. Das meiste funktioniert bei den Jüngeren nach Papageienprinzip. Zu unseren Aufnahmebedingungen gehört ja, dass die Kinder parallel ein Instrument lernen. Dadurch können sie schneller Noten lesen, der Instrumentallehrer nimmt mir hier ein bisschen Arbeit ab. Zwar sind die Kinder nach den Produktionen eingeteilt, trotzdem müssen sie alles lernen. Das betrifft gerade die Longseller: Jeder kommt irgendwann dran mit „Hänsel und Gretel“.
Welche Stücke mögen die Kinder am liebsten?
Eindeutig die lustigen, zum Beispiel „Drei Männer im Schnee“ oder „Pumuckl“. Das ist der Vorteil am Gärtnerplatz, weil hier Musicals und Operetten laufen. Deshalb habe ich auch keine Angst davor, dass ich die Jungen an einen Knabenchor verliere. Kinder lieben nicht unbedingt das Steife, wir erziehen es ihnen nur irgendwann an.
Wie groß ist die Premierennervosität?
Es ächzt manchmal alles unmittelbar vor der Premiere, weil es so viele Proben gibt. Das ist sehr anstrengend. Die Folgevorstellungen sind dann leichter. Auch das nehmen die Kinder fürs Leben mit: Mit guter, effizienter Vorarbeit funktioniert’s. Und das müssen die Regisseure begreifen. Man sollte gerade für Produktionen mit Kindern nur die besten nehmen. Es gibt außerdem keine Repertoire-Routine bei Kindern, weil sie jedes Mal von dem Gedanken beherrscht sind: Ich darf jetzt vor Publikum singen! Den Neulingen muss man das allerdings noch klarmachen. Irgendwo rumstehen auf der Bühne und Nasebohren geht halt nicht.
Das Gespräch führte Markus Thiel.