So ganz hat es noch nicht funktioniert mit der politischen Propaganda: Statt dass das Publikum am Ende geschlossen aufgestanden wäre, um die „Internationale“ zu schmettern, spendete es bloß freundlichen Applaus im Münchner Volkstheater. Aber dessen Hausregisseur Abdullah Kenan Karaca hatte es jetzt auch nicht direkt auf die Erweckung revolutionärer Gefühle angelegt bei seiner Inszenierung von Eugene O’Neills Heizer-Tragödie „Der haarige Affe“. Dabei ist dieses 1922 entstandene Frühwerk des späteren Nobelpreisträgers zumindest für US-amerikanische Verhältnisse ein Agitprop-Stück reinsten Wassers, das fast schon die Axt an die Wurzeln des Kapitalismus legt.
Vielleicht spielt es ja auch aus diesem Grund ganz tief unten. Im finsteren Bauch eines Ozeandampfers, noch tiefer als im Maschinenraum, nämlich im Kohlenkeller, wo die dreckverschmierten Heizer pausenlos schaufeln und Dampf machen, damit das Schiff fährt. Bühnenbildner Vincent Mesnaritsch hat einen richtig dreckschwarzen Guckkasten gebaut, in dessen Decke allerdings ein goldener Schacht leuchtet. Durch ihn fällt in die finstere Hölle ein ferner Abglanz des hellen Glücks, das oben herrscht, auf dem Sonnendeck, wo die Passagiere der Ersten Klasse lustwandeln. Die hat der Heizer und überzeugte Sozialist Long (Silas Breiding) als seine Ausbeuter und folglich Ursache seiner miesen Lage identifiziert.
Im Gegensatz zu diesem klassenbewussten Proletarier ist Heizer Yank (Jonathan Müller) nur ein tumber Prolet, der sich den feinen Pinkeln überlegen wähnt, weil er das Schiff in Fahrt bringt, während sie untätig rumlungern. Aber dann passiert’s: Mildred (Nina Steils als Pieps-Barbie), die Tochter des Schiffseigentümers und Stahlmilliardärs Douglas, steigt im weißen Damastkleid zu den Heizern hinab, gruselt sich kurz und enteilt fluchtartig. Eine Begegnung der dritten Art für beide Seiten, die Yank plötzlich klarmacht: Für die „da oben“ ist er kein Held, nur ein „haariger Affe“, ein wildes Vieh im Zoo, das man erschrocken bestaunt.
Es passt zu diesem gradlinigen Drama des irisch-stämmigen US-Amerikaners, dass der Regisseur diesmal keine Experimente macht, sondern einfach bloß saftiges Volkstheater im Stückl-Stil. Abdullah Kenan Karaca betont einerseits jenen typisch „irischen“ Realismus, bei dem kernige Kerle dauernd „Gottverdammmich!“ sagen müssen. Andererseits aber lässt er viele Szenen ins Groteske, ins Albtraumhaft-Irreale, ja gar ins Gespenstische kippen. Das ist nicht nur ästhetisch überzeugender als simpler Theater-Frontalunterricht, sondern verweist auch auf Yanks Erfahrung fundamentaler Fremdbestimmung: Er weiß plötzlich nicht mehr, wie ihm geschieht, kann die Ereignisse nicht mehr einordnen, die folglich wie ein Spuk über ihn hereinzubrechen scheinen.
Dabei wären sie als Resultat gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Machtverhältnisse leicht erklärbar. Die anrührendste Figur des Abends gelingt gleichwohl Jakob Immervoll, der den alten, gebrechlichen Seebären Paddy gibt. Auf den ersten Blick wirkt er wie eine Kinderfunk-taugliche Klischeegestalt aus der „Schatzinsel“. Aber gerade dass hinter dem Stereotyp dann ein Mensch mit Sehnsüchten und Träumen sichtbar wird, den man so nicht erwartet, gibt der Figur die einzig mögliche Authentizität in einer oben wie unten entfremdeten Gesellschaft.
Nächste Vorstellungen
am 5., 11. und am 19. Dezember; Karten unter Telefonnummer 089/ 523 46 55.