„Erfahrung fürs Leben“

von Redaktion

30 Jahre Lyrik Kabinett – ein Gespräch mit Gründerin Ursula Haeusgen

VON MELANIE BRANDL

Vor genau 30 Jahren beschloss die gelernte Kauffrau Ursula Haeusgen, die von ihr so geliebte Lyrik ein für alle Mal aus den hintersten Ecken der Buchläden herauszuholen, in denen sie meist wenig beachtet vor sich hin schlummerte. Mutig gründete sie mit dem Lyrik Kabinett eine Buchhandlung in der Münchner Innenstadt, in der die Poesie ins Zentrum gerückt und Lesungen von Gedichten zum festen Programm werden sollten. „Natürlich habe ich da etwas ganz Neues angefangen, ohne zu wissen, ob es funktionieren würde“, erinnert sich die 77-Jährige rückblickend. „Das war eine unglaublich aufregende Zeit, vor allem, weil wir einfach Dichter und Dichterinnen eingeladen haben, die wir gerne hören wollten.“

Die Buchhandlung wurde so zu einem Treffpunkt von Lyrik-Liebhabern, erzählt Haeusgen. Die Freundschaften, die dabei entstanden, existieren zum Teil noch immer und waren die Basis dafür, dass das Lyrik Kabinett bis heute besteht, obwohl der Buchladen selbst bereits nach fünf Jahren wieder schließen musste.

Haeusgen ließ sich dadurch nicht unterkriegen: Sie wandelte das Lyrik Kabinett um in einen gemeinnützigen Verein und schenkte diesem den Bestand der Buchhandlung als Grundstock für eine eigene Bibliothek, die 1997 in das Komparatistik-Gebäude der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) einziehen konnte. „Das war für uns ein großes Glück!“

Heute ist das Lyrik Kabinett eine Stiftung mit Haeusgen als Vorsitzender, hat seit 2005 direkt hinter der Universität einen architektonisch außergewöhnlichen Neubau bezogen und bietet neben einer der weltweit umfangreichsten Bibliotheken internationaler Lyrik jährlich rund 45 Veranstaltungen von Lesungen über Vorträge bis zu Diskussionen an. Daneben veröffentlicht sie eigene Publikationen und bietet unter dem Titel „Lust auf Lyrik“ Bildungsprogramme für Schulen. Bei Letzteren haben Schülerinnen und Schüler ganz ohne Notendruck die Möglichkeit, mit professionellen Lyrikern zusammen zu dichten. „Dabei kommen sehr bewegende, tiefsinnige und auch humorvolle Gedichte heraus“, freut sich Ursula Haeusgen. „Das kann eine wichtige Erfahrung fürs Leben sein.“ Denn Poesie mache nicht nur Freude, erläutert sie. „Lyrik kann auch tiefe Einsichten und Trost bieten.“

Möglichst vielen Menschen diese Erfahrungen zu ermöglichen, ist eine Art selbst gewählte Lebensaufgabe der Münchnerin, der dafür unter anderem das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen wurde. „Gedichte befassen sich mit allen Lebensthemen, auch mit aktuellen Fragen“, begründet sie ihre Leidenschaft. Und diese ist nie abgeebbt: „Selbst, wenn unsere Veranstaltungen heute viel besser besucht sind als in den Anfängen, ist das noch immer zu wenig.“ Ein weiterer Weg, noch mehr Lesern die Tür zur Welt der Poesie zu öffnen, ist, die Digitalisierung aktiv zu nutzen.

Mit dem Portal www.dichterlesen.net will das Lyrik Kabinett in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen pünktlich zum Jubiläum Aufzeichnungen von Lyriklesungen und Bibliotheksbestände öffentlich zugänglich machen. „Damit können wir noch mehr Menschen erreichen“, hofft Haeusgen. „Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass sich auch diejenigen, die noch nie Gedichte gelesen haben, begeistern lassen, wenn sie solch einen Text mal bei Lesungen hören.“ Dass das Lyrik Kabinett nach insgesamt 1300 Lesungen in dreißig Jahren und durch seine vielseitigen Aktivitäten einen guten Ruf genießt und längst nicht mehr um seine Zukunft bangen muss, ist nicht nur für Ursula Haeusgen und ihr Team Anlass zum Feiern.

Auch Bernd Sibler, Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, und Münchens Kulturreferent Anton Biebl gratulieren der Stiftung bei einer Lesung in der LMU. Außerdem ist das Jubiläum auch für alle Leser ein Grund zur Freude: Soeben erschien die Anthologie „Im Grunde wäre ich lieber ein Gedicht“, die neben neu verfassten Texten eine Auswahl aus drei Jahrzehnten Lesungen des Lyrik Kabinetts zusammenfasst. Der Traum, den Ursula Haeusgen 1989 hatte, ist damit wahr geworden. Aber noch längst nicht ausgeträumt: „Ich wünsche mir, dass das Lyrik Kabinett noch viele Jahre weiterbesteht und seinen Besuchern Freude an der Poesie ermöglicht.“

Stiftung Lyrik Kabinett,

Amalienstraße 83a; Telefon 089/34 62 99; Onlineportal: www.dichterlesen.net; Buch: Michael Krüger, Holger Pils (Hrsg.):

„Im Grunde wäre ich lieber ein Gedicht“.

Hanser Verlag, München, 424 Seiten; 30 Euro; nächste Veranstaltungen: 9.12. „Poetry in Motion“; 11.12. „Das Lyrische Quartett“ über Paul Celan.

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