Psychologische Geisterbeschwörung

von Redaktion

Sängerin Waltraud Meier riss im Münchner Prinzregententheater ihr Publikum von den Sitzen

Entweder es ist die klirrende Kälte, die doch einige Plätze im Prinzregententheater leer bleiben lässt, oder aber die Schockstarre infolge der Nachricht vom Tode Mariss Jansons’. Ihm wird Waltraud Meier später an diesem Abend ihre Interpretation von Richard Wagners Wesendonck-Liedern widmen. Aber auch sonst strahlt ihr von Joseph Breinl am Klavier begleiteter Liederabend einen Hauch von Geisterbeschwörung aus. Das Repertoire ist voll nostalgisch gefärbter Todessehnsucht und Verunsicherung vor den um 1900 anbrechenden neuen Zeiten. Den Einstand geben Meier und Breinl mit dem verspielten „Rheinlegendchen“, einem von vier Liedern aus Gustav Mahlers „Des Knaben Wunderhorn“, welche die Epochenschwelle ironisch und bedeutungsschwer, lautmalend  und abstrakt intonieren.

Die Sängerin überzeugt nicht nur mit ihrer unglaublich präsenten Stimme, sondern auch mit einer Bühnenpräsenz, die von ihrer psychologisch durchdachten Ausdeutung lebt. Sie steht diesem spätromantischen Liedgut nicht nur gut an, sondern tut ihm not. Das gilt ebenso für Hugo Wolfs sechs Lieder nach Gedichten von Eduard Mörike. Hier wird das Gleichgewicht von der Singstimme zugunsten des Klaviers verschoben. Und der Pianist ist wahrlich mehr als nur Waltraud Meiers Liedbegleiter: leichtfingrig, virtuos und nicht weniger ausdrucksstark ausdeutend als die Sängerin, die sich anschließend in Bestform in ihrer Paradedisziplin präsentiert – mit Richard Wagner. Dessen fünf Lieder nach Gedichten von Mathilde Wesendonck intoniert  die Mezzosopranistin so stimmstark und unmittelbar, dass es dem Kennerpublikum im Prinzregententheater förmlich den Atem verschlägt. Den Schlusspunkt setzt Arnold Schönbergs „Lied der Waldtaube“ aus den „Gurre-Liedern“, die unüberhörbar im gebrochenen Licht der Moderne diffundieren und in einem gellenden Todesschrei münden, der die Hörer von den Sitzen reißt. Sie fordern im Anschluss nicht weniger als drei Zugaben ein. ANNA SCHÜRMER

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