Das Leben schreibt die größten Tragödien: Als begabter junger Komponist bemerkt Ludwig van Beethoven schon mit Ende zwanzig die ersten Anzeichen für eine schnell fortschreitende Schwerhörigkeit. Mit 28 Jahren erwähnt er diese Beeinträchtigung zum ersten Mal in Briefen an enge Vertraute. Drei Jahre später präzisiert er in einem Schreiben an den Bonner Jugendfreund Gerhard Wegeler die Diagnose und schildert die verschiedenen Symptome, das stete Summen und Klingeln zum Beispiel.
Beethovens Aussprache wird ungenauer. Dazu kommen Ohrgeräusche, die ihn Tag und Nacht quälen, Verzerrungen und eine Schall-Überempfindlichkeit. „Der neidische Dämon hat meiner Gesundheit einen schlimmen Streich gespielt“, berichtet der Meister nüchtern, „mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden. Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort.“ In seinem ein Jahr später aufgesetzten „Heiligenstädter Testament“ bittet er den behandelnden Arzt, nach seinem Tod die Krankheit zu beschreiben, „damit wenigstens so viel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde…“
Beethovens Erfolg als Pianist und Komponist wird zunehmend davon überschattet. Kant sagte einmal zu diesem Thema, dass schlechtes Sehen von den Dingen trenne, Schwerhörigkeit jedoch von den Menschen. Genau diese bei Schwerhörigen bis heute häufige soziale Isolation wird für Beethoven ein enormes Problem. Er verlegt sich immer mehr aufs Komponieren. Er vermeidet Menschenmengen und Gesellschaften. Und er gilt schon bald als griesgrämiger Sonderling.
Bis zu seinem Tod im März 1827 zieht sich Beethoven von der Welt der Hörenden zurück. Schon früh plagen ihn Suizidgedanken. Der grimmige Gesichtsausdruck, mit dem er auf nahezu allen Porträts und Büsten zu sehen ist, spricht für sich. Zweimal wurde der Leichnam Beethovens, der im Alter von 57 Jahren starb, exhumiert und untersucht. Mediziner, Musikwissenschaftler, Historiker und Laien streiten bis heute über die Frage, welche vorangegangene Krankheit möglicherweise die Taubheit ausgelöst haben könnte. War es Leberzirrhose, Typhus, Syphilis oder eine Darmerkrankung? Oder lag es am übermäßigen Alkoholgenuss? Könnte eine Bleivergiftung in der Kindheit schuld sein?
Endgültig kann dies nicht mehr geklärt werden. „In der Summe kennen wir die Ursache der Schwerhörigkeit Beethovens nicht“, bestätigt John-Martin Hempel, Leitender Oberarzt und stellvertretender Direktor der HNO-Klinik an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Vermutet werde jedoch, dass sich zu einem Tinnitus und diversen anderen Leiden des Ohrs ab etwa 1800 eine Otosklerose gesellte. Das ist eine entzündliche Erkrankung eines Knochens im Innenohr, die zu einer Verknöcherung in diesem Sinnesorgan führt und damit zu langsam ansteigender Schwerhörigkeit. Frauen sind davon beinahe doppelt so häufig betroffen wie Männer. Und Menschen mit weißer Hautfarbe öfter als Menschen mit anderen Hautfarben.
Inzwischen gibt es zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten und Hilfsmittel wie Hörgeräte, um die Beeinträchtigungen auszugleichen oder sogar ganz zu beheben. Die Heilungsversuche der Ärzte jener Zeit dagegen waren eher schmerzhaft und verursachten Beethoven, wie man aus seinen Briefen weiß, kaum Linderung, sondern oft zusätzliche Schmerzen. Mandelöl-Ohrentropfen klingen noch angenehm. Die Vesikatorien, Zugpflaster, die Blasen auf der Haut verursachen, schon weniger. Man nahm an, mit dem Abheilen der Blasen würden andere Krankheiten ebenfalls aus dem Körper verschwinden. Entgegen aller medizinischen Beteuerungen verschlechterte sich Beethovens Gehör weiter. „Schwerhörigkeit geht häufig mit einem Hörverlust der hohen Frequenzen einher und dehnt sich dann auf den mittleren und zuletzt auf den Tieffrequenzbereich aus“, sagt John-Martin Hempel.
Beethovens schwindendes Hörvermögen hat die kompositorische Arbeit deutlich beeinflusst, fanden der Biologe Edoardo Saccenti und seine Kollegen von der Niederländischen Wageningen University & Research heraus: Die hohen Töne des Frühwerks wurden mit voranschreitender Taubheit Beethovens seltener. Da er sie nicht mehr hören konnte, komponierte er eher im mittleren Frequenzbereich.
Erst in seinen letzten Arbeiten tauchen wieder verstärkt hohe Töne auf. In dieser Phase verließ er sich, das vermuten Saccenti und seine Mitautoren, ausschließlich auf sein inneres Gehör. Den Applaus bei den Konzerten konnte er bald nicht mehr hören. Er musste das Publikum beobachten, um den Beifall zu erkennen. Gespräche waren ab spätestens 1818 nur noch schriftlich mithilfe von „Konversationsheften“ möglich. Über 400 davon befinden sich in seinem Nachlass. Auch die heutige Medizin, das wird bei dieser Diagnose deutlich, hätte Beethoven nicht heilen können. Helfen aber durchaus. Mit modernen Hörgeräten oder sogar einem Hörimplantat hätte er seine unsterbliche Musik noch viele Jahre lang wahrnehmen können.