Wir sind Ludwig

von Redaktion

Alle Welt feiert 2020 Beethovens 250. Geburtstag – doch wem gehört er?

VON MARKUS THIEL

Am einfachsten machte sich die Sache Hanns Eisler. „Denn er war unser“, beschied dieser 1927, exakt 100 Jahre nach dem Tod des großen Ludwig. „Uns“, damit meinte der Schönberg-Schüler, Brecht-Vertoner und Komponist der DDR-Hymne selbstverständlich die Arbeiterklasse. Es war für ihn ohnehin die größtmögliche Gesamtheit. Belächeln kann man das, diskutieren, und doch ist es Ausdruck ungeregelter Eigentumsverhältnisse.

Kaum einen Komponisten gibt es ja, der auf so merkwürdige Weise vereinnahmt wird – als müsse man sich mit seinem Genie sinnstiftend der eigenen Wichtigkeit vergewissern. Die Nase vorn hat derzeit Bonn, mit zwei Ausstellungen plus Festival giert es nach alter bundesrepublikanischer Bedeutung: Wem also gehört Beethoven? Dem Rheinland, Deutschland oder, oh Graus für hiesige Geburtstagsfeierbiester, gar Österreich?

Am Rhein und an der Donau hat er gelebt. Doch zu Hause, dafür sprechen die weltweiten Anstrengungen zu Beethovens 250. Geburtstag im bald anbrechenden Jahr, ist er auch andernorts. Als das BR-Symphonieorchester einmal in Peking gastierte, hatte man Richard Strauss und Ludwig van Beethoven im Gepäck. Typische Tourneeschaustücke. Höflich bis enthusiasmiert nahm das Publikum Strauss zur Kenntnis, nach Beethoven pure Raserei. Es mag daran gelegen haben, dass die Stücke des Bonners und Wahlwieners einen Tick bekannter waren. Naheliegender ist aber anderes: dass hier eine Musiksprache Hirn und Herzen eroberte, für die es keine Dolmetscher braucht. Beethoven, so nahm man verblüfft zur Kenntnis, kann sich offenbar weltweit verständlich machen.

An der Unmittelbarkeit seiner Kunst mag das liegen, aber auch an den von ihr verhandelten, zugrunde liegenden Themen. „Was ist schon absolute Musik?“, sagte Nikolaus Harnoncourt vor allem über Beethoven. „Musik ist Sprache.“ Und wenn Beethoven redet, dann sind das nicht nur Zustandsbeschreibungen, nicht nur Affekte, wie wir sie schon aus den Reflexionen barocker Arien kennen: Liebe, Begehren, Freude, Trauer, Verzweiflung, Rache. Wenn Beethoven spricht, dann gern von Veränderungen. Vom Nichtabfinden mit Bestehendem. Nicht allein musikalische Strukturen sind damit gemeint, die dieser Mann mal mit Lust, mal mit Ingrimm weitete und sprengte. Beethovens Musik spricht vom Besseren. Ein Tunnelblick im Wortsinn ist dies, den wir mit seinen Werken riskieren dürfen, auf dass am Ende etwas strahlt, das man Utopie nennen könnte. Am eindrücklichsten hat er das in seiner fünften Symphonie vorgeführt – die in für Bläser fast unspielbarem c-Moll beginnt, um im Übergang zum Finale in körperhaft spürbarem C-Dur zu explodieren.

Beethoven dürfte damit der politischste Komponist der Musikgeschichte sein. Nicht weil er ständig über Geschichte und Veränderung schreibt und faselt wie Richard Wagner, sondern weil dieses Politische, in dem sich eine umfassende Humanität manifestiert, zur Natur seiner Musik gehört. Gerade dies macht ihn so international, in den Augen mancher auch gefährlich. Zugleich ist Beethovens Musik, eben weil sie diesen revolutionären, grenzüberschreitenden Impetus hat, gefährdet. Kein anderer Komponist wurde und wird so missbraucht wie er. Als feierliche, staatstragende Garnierung, ob von der „falschen“ oder „richtigen“ Seite. Kaum ein Opernhaus, ob in Diktaturen oder freiheitlichen Ordnungen, das nicht mit dem „Fidelio“ eröffnet wurde. Und ausgerechnet die neunte Symphonie taugt auf merkwürdige Weise für zweierlei: als Umrahmung zu „Führers Geburtstag“, meist von Wilhelm Furtwängler dirigiert. Oder als Europahymne – dabei ist die Sache eigentlich die Vertonung eines Schiller-Trinklieds: „Brüder fliegt von euren Sitzen, wenn der volle Römer kraißt.“

„Was deutsch und echt“, darüber lässt Wagner seinen Sachs am Ende der „Meistersinger“ sinnieren. Vieles deutet darauf hin, dass die Deutschen in erster Linie Beethoven darunter verstehen – und nach Ausschlussrechnung vorgehen: Wagner als Nationalkomponist? Als Antisemit zu kontaminiert. Strauss? Auch ein bisschen zwielichtig, außerdem zu gefällig um sich kreisend. Mendelssohn Bartholdy? Zu schön, um schwergewichtig zu sein. Schumann? Ein Wahnsinniger. Bleibt also der Wiener Ehrenbürger, dessen Geburtstagsfeierlichkeiten zum 250. sogar im CDU-SPD-Koalitionsvertrag als „nationale Aufgabe“ verankert wurden.

Was für ein Missverständnis. Und was für eine Verengung: als ob nicht der Komponist, der musikalische Grenzen sprengt, auch nationale meint. Bonn, Berlin, Wien, alles zu klein für ihn. Man würde ihn verkennen, erneut missbrauchen, würde man ihn als nationale Stimme feiern. Beethoven spricht zu allen, weil seine Musik um den Menschen, sein So-Sein, seine Bedrohung weiß und eine – leider manchmal weit entfernte – Utopie aufzeigt. Deshalb muss er vor allem aus einem Grund gefeiert werden: Er ist der richtige Komponist für unsere Zeit.

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