Tiroler Habenixe

von Redaktion

PREMIERE Mit Dvořáks „Rusalka“ starten die Erler Festspiele in eine neue Zeit

Gut, da gibt es die Burg von Kufstein und andere hübsche Gemäuer, doch drum herum: Wohnungskästen, Baumärkte, Industrie, alles rechts und links des Flusses gedrängelt – was soll der Gegend also noch der Bahn-Zulauf zum Brenner-Basistunnel schaden? Mit Blick auf den Realzustand des Inntals setzt diese Premiere von Dvořáks „Rusalka“ nadelstichige Öko-Pointen. Aus einem überfluteten Urzeit-Tal sehnt sich hier die titelgebende Nixe nach Zivilisation, das suggerieren die Naturvideos samt Tiroler Bergkette im Hintergrund. Enden wird das Mädchen nicht in den Armen des Geliebten, sondern auf der Müllhalde, wo Rusalka ihren gerade totgeküssten Prinzen beweint.

Klingt schlüssig, ist es aber in der theatralen Durchführung nicht ganz. Die Hauptsache an diesem Abend bei den Tiroler Festspielen ist ja ohnehin anderes: Jetzt geht’s richtig los. Es ist der erste Festivaldurchgang des neuen Intendanten, die erste Saison, in der man endgültig aus dem Schatten des geschassten Festspielgründers und #MeToo-Künstlers Gustav Kuhn treten will. Bernd Loebe, im Hauptberuf Chef der Frankfurter Oper, mag im Vorfeld noch so sehr beteuern, in Erl keine hessische Filiale zu eröffnen – zumindest diese Produktion fühlt sich sehr danach an.

Fast alle Solisten inklusive Dirigent haben irgendeine Beziehung zu Loebes Frankfurter Talentschmiede. Auch Florentine Klepper. Wo andere – nicht zuletzt Martin Kušej in München – „Rusalka“ als an Herz und Hirn greifende Psycho-Tragödie erzählen, gestattet sich diese Regisseurin auch Augenzwinkern. Der Wassermann, von dem sich die Nixe lossagt, sieht aus wie ein verspäteter 68er-Pädagoge, Spezialfach Sozialkunde. Im knallorangen Gummiboot lässt sich Rusalka vom Prinzen aus ihrem Idyll hinausziehen. Und dessen Welt besteht aus zu Heckenwerk gestutzter Natur, in der Schickis ihrem Golf-Hobby frönen.

Florentine Klepper tappt mit Martina Segna (Bühne) und Anna Sofia Tuma (Kostüme) nicht in die Realismusfalle. Während der Polonaisen-Musik darf Rusalka durch die Upperclass-Welt traumtanzen. Wie überhaupt die versatzstückhafte Szenerie eher andeutet als illlustriert. Mehr ist wohl im Erler Festspielhaus (noch) nicht möglich. Positiv gesagt: Florentine Klepper lässt ihren Solisten viel Raum, vertraut auf deren Jugendcharme. Negativ gesagt: Vieles zieht sich.

Immerhin verhalten sich die Figuren nun zueinander, das ist ein Fortschritt zu den Singsäulen-Arrangements der Ära Kuhn. Trotzdem registriert man Leerstellen und Unschlüssiges am dreieinhalbstündigen Abend. Und selten gab einem eine „Rusalka“ so wie hier das Gefühl, Dvořák habe aus seinem Stück nicht mehr hinausgefunden. Was Florentine Klepper dagegen glückt: Intimes zu inszenieren. Gerade die Momente zwischen Rusalka und Prinz entfalten einen natürlichen, wahrhaftigen Zauber – was auch an den beiden Solisten liegt.

Vokal sind sie sogar verwandt. Gerard Schneider und Karen Vuong verfügen über eine reiche, lyrisch grundierte, attraktive Mittellage. Die amerikanische Sopranistin kleidet ihren Gesang in jene Melancholie, die es für die Rusalka braucht. In den oberen Regionen, wo Stimmen aufblühen müssten, hört man bei beiden allerdings Grenzen mit – vielleicht auch Folge des Probenstresses. Dafür droht Dshamilja Kaiser (fremde Fürstin) mit ihrem Mezzo das Personal von der Bühne zu schallen, Judita Nagyová gestaltet eine fein ausgehörte Ježibaba ohne Dämonie-Überdruck. Am meisten überzeugt Thomas Faulkner als Wassermann mit erstaunlich ausgereiftem Bass.

Dirigent Alexander Prior, 27 Jahre jung, schwebt offenbar ein sturmdrängerischer Dvořák vor. Oft gelingt das auch mit saftig ausgespielter Emotion. Doch manches ist diffus und zu laut. Prior verfügt noch nicht über die ökonomische Körpersprache, die nicht nur befeuert, sondern das Festspielorchester auch balancieren und mitnehmen kann. Einen Sprung nach vorn im Vergleich zur Ära Kuhn bietet diese Premiere also allenfalls bei der Regie. Das spricht nicht gegen den neuen Chef Bernd Loebe. Vielmehr zeigt es, dass schon der Gründervater der Tiroler Festspiele für musikalische Qualität bürgte. Eines allerdings ist passiert: Man ist wieder neugierig auf Erl.

Weitere Aufführungen

am 28. und 30. Dezember; die Festspiele dauern noch bis 6. Januar; Infos und Karten unter Tel. 0043/5373/810 00 20.

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