Die Welt ist irre

von Redaktion

Zum Jahreswechsel blicken Klaus Stuttmann und Heiko Sakurai auf 2019 zurück

VON MARCUS MÄCKLER

Und plötzlich war’s vorbei, nach acht Jahren voller Intrigen, Verrat und bitterer Liebe. Auch das Wehklagen der Fans half nichts: „Game of Thrones“, die teuerste Fantasy-Serie aller Zeiten, ging 2019 zu Ende und es blieb nur die Gewissheit, dass am Ende das Gute siegte: Angela Merkel. Kann nicht sein? Fragen Sie mal Heiko Sakurai. Der hat die Kanzlerin auf den Thron gezeichnet – kerzengerade, selbstgewiss, ein schläfrig blickender roter Monolith.

„Game of Kanzleramt“ ist der Titel des neuen Sakurai-Karikaturenbandes. Das Bild der thronenden Merkel kehrt auf den gut 170 Seiten immer wieder, stets unverändert, bis auf ein Detail: ein Foto im Hintergrund, das abwechselnd die kaltgestellte Kanzlerinnen-Konkurrenz zeigt, von Seehofer bis Scholz.

Das ist so einfach und vielschichtig, wie man es von Sakurai gewohnt ist. Von der Inszeniertheit des politischen Betriebs bis zum Geraufe um die eiserne Kanzlerin steckt alles drin, was 2019 innenpolitisch so ausmachte. Es ist, um’s kurz zu sagen, der Zustand der Republik in einem Bild.

Zuverlässig liefert Sakurai jährlich ein Best-of seiner Karikaturen ab. Der neue Band steht den Vorgängern in nichts nach. Das liegt natürlich ein bisschen an den Themen, die die Politik ihm so vorgibt. Vor allem aber beherrscht er die Kunst, das Große und Ernste in warmherzige, putzige, manchmal auch böse Bild-Geschichten zu verpacken. Hier wird niemand geschont, aber zerstört wird auch keiner.

Wo andere Karikaturisten auf Gravitas setzen, baut Sakurai auf die verführerische Kraft des Comics. Da läuft Ursula von der Leyen einmal querfeldein nach Brüssel und während sich ein Soldat wundert („Herr General, da entfernt sich jemand unerlaubt von der Truppe“), ruft der Vorgesetzte: „Ich weiß. Freuen und laufen lassen.“ Da springt Theresa May als Brexit-Brathuhn aus einer Uhr und ruft „Verlängerung, Verlängerung“. Da bleckt Björn Höcke hinter einer Stahlmaske die Zähne, wie sonst nur Hannibal Lecter. Immer wieder erstaunlich, mit welch Leichtigkeit und intelligentem Witz Sakurai regelmäßig ins Schwarze trifft. Seine Zeichnungen machen die Welt ein bisschen verdaulicher – die von Klaus Stuttmann bewirken oft das Gegenteil.

Seine Jahresbilanz trägt den Titel „Irre!!“, und beim Durchblättern wird gleich klar, wie anders er auf das Jahr 2019 schaut. Auf einer Karikatur übergibt sich der Ungar Viktor Orbán in ein blaues EU-Taxi, weil „Draußen macht mir das Kotzen keinen Spaß.“ Auf einer anderen sind kenternde Bootsflüchtlinge zu sehen. Die Medien berichten zu dieser Zeit ausdauernd und mitfühlend über ein Kind, das in Spanien in ein Erdloch gefallen ist, und einer der Ertrinkenden sagt dazu: „Das bewundere ich an den Europäern: diese Menschlichkeit, diese Hilfsbereitschaft“.

Darf man das, das eine Leid gegen das andere halten? Stuttmann würde sagen: Der Karikaturist, der auch ein Offenleger der Bigotterie unserer satten Gesellschaft ist, muss. Das mag schmerzhaft sein, für manchen empörend oder jenseits des guten Geschmacks. Aber am Ende gilt: Der Gewinn ist weit größer als der Ärger. Das ist Satire.

Dass die Seite 2 dieser Zeitung an den allermeisten Tagen Karikaturen von Sakurai und Stuttmann zeigt, ist kein Zufall – sie ergänzen sich auf die schönste Art und Weise. Wenn man bei Sakurai die Liebe zu seinem Gegenstand spürt, ist es bei Stuttmann das manchmal unerbittliche Abarbeiten daran. Die Welt, sie ist eben eine Irre. Wie schön, dass hin und wieder doch das Gute siegt.

Heiko Sakurai:

„Game of Kanzleramt“. Schaltzeit, 176 Seiten; 18,90 Euro.

Klaus Stuttmann:

„Irre!!“. Schaltzeit, 224 Seiten; 19,90 Euro.

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