Mit Taktstock und Trompete

von Redaktion

Andris Nelsons überraschte beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker

VON FABIAN NITSCHMANN

Dann stand Andris Nelsons plötzlich mit einer Trompete am Dirigentenpult. Er spielte nur kurze Einlagen, doch die Überraschung gelang dem 41 Jahre alten Letten, der zum ersten Mal das Neujahrskonzert in Wien dirigierte. Zuvor hatte Nelsons bereits gefühlvolle Tänze vor den Wiener Philharmonikern vollführt, immer wieder schloss er bei ruhigen Passagen genießend die Augen. Durch die Märsche und Polkas führte er das Orchester zackig, besonders sanft dann durch Stücke wie „Wo die Zitronen blüh’n“ von Johann Strauss (Sohn). Mit Gestik und Mimik machte der Kapellmeister des Gewandhausorchesters Leipzig stets klar, wie viel Glück ihm bereitet, was ihm die Philharmoniker präsentierten. Der Lohn: kräftiger Applaus für ein gelungenes Debüt.

Das Neujahrskonzert stand gestern im Zeichen zahlreicher Jubiläen. Mit den „12 Kontretänzen“, einem Höhepunkt der Vorstellung, wurde Ludwig van Beethoven geehrt – der Komponist wäre heuer 250 Jahre alt geworden (wir berichteten). Die „Liebesgrüße“ (Josef Strauss) sendete das Orchester an die Salzburger Festspiele, die dieses Jahr den 100. Geburtstag feiern und mit denen die Philharmoniker eng verbunden sind. Obendrein feiert auch das Gebäude des Wiener Musikvereins in dieser Saison seinen 150., das Festkonzert steht schon am 6. Januar an.

Nelsons hatte sich vor dem Konzert äußerst demütig präsentiert und zugegeben, dass er nervös sei. „Es ist irgendwie so, dass du den großen Geist der Komponisten und Musiker spürst, die hier gewirkt haben“, sagte er. „Alle Orchester, alle Musiker, Sänger, träumen davon, eines Tages im Musikverein zu musizieren.“ Am Dirigentenpult im Goldenen Saal ließ er sich das nicht anmerken. Das Orchester startete unter der Leitung des 41-Jährigen lebhaft mit „Die Landstreicher: Ouvertüre“ (Carl Michael Ziehrer) und präsentierte danach eine breite Palette mit gewohnt vielen Strauss-Kompositionen. Neun Stücke wurden erstmals bei einem Neujahrskonzert gespielt. Den Abschluss fand das Spektakel, das in mehr als 90 Länder übertragen wurde, wie gewohnt mit „An der schönen blauen Donau“ (Johann Strauss Sohn), einem kräftigen „Prosit Neujahr“ der Musikerinnen und Musiker und dem „Radetzky-Marsch“ (Johann Strauss Vater), bei dem Nelsons das Publikum fast durchgehend kräftig mitklatschen ließ.

Es wurde deutlich, dass sich Orchester und Dirigent sehr gut kennen. Seit fast zehn Jahren arbeitet Nelsons immer wieder mit dem Ensemble zusammen, zuletzt nahm er mit ihm alle neun Beethoven-Sinfonien auf. Es wäre sehr verwunderlich, wenn der Lette, der derzeit zu den renommiertesten Dirigenten gehört, nicht bald ein weiteres Mal Neujahr am Dirigentenpult im Musikverein feiert. Im kommenden Jahr wird diese Ehre Riccardo Muti zuteil. Der 78 Jahre alte Italiener wird das Neujahrskonzert zum bereits sechsten Mal dirigieren. „Muti ist seit dem Jahre 2011 Ehrenmitglied des Orchesters. Als Zeichen dieser tiefen künstlerischen Verbundenheit bitten wir ihn am 1. Jänner 2021 zum sechsten Mal an das Pult des Neujahrskonzertes“, sagte Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer.

Weitere Informationen:

Die CD mit dem Mitschnitt des Neujahrskonzerts 2020 erscheint am 10. Januar bei Sony; DVD und Blu-ray sind für 31. Januar angekündigt; 3sat zeigt die Aufzeichnung des Konzerts diesen Samstag, 20.15 Uhr.

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