Kröten schlucken und spucken

von Redaktion

Katja Riemann über „Vier zauberhafte Schwestern“ und den Kampf um Rollen

Eigentlich dreht sich in dem kunterbunten Kinderfilm „Vier zauberhafte Schwestern“ alles um die titelgebenden Mädchen, die magische Fähigkeiten besitzen und dadurch bei den Eltern, in der Schule und im Freundeskreis für jede Menge Chaos und große Überraschungen sorgen (Filmstart ist morgen). Doch sobald Katja Riemann im Bild erscheint, sind die Mädels mit den Zaubertricks nahezu vergessen. Die 56-Jährige, in dem Disney-Märchen als böse Hexe Glenda Glass unterwegs, spielt – ohne es zu wollen – mit pinkfarbener Amy-Winehouse-Perücke und Teetässchen am Finger alle an die Wand.

Sieht so aus, als hätten Sie bei den Dreharbeiten viel Spaß gehabt.

Absolut! Meine Kollegen waren wunderbar, besonders die jungen, und die Arbeit mit Regisseur Sven Unterwaldt war extrem inspirierend. Das größte Vergnügen war aber die Rolle der Hexe Glenda. Das war wie beim Theaterspielen: Man kann alle Mittel benützen und so richtig auf die Pauke hauen.

Waren die Trickeffekte nicht kompliziert umzusetzen? Schließlich würgen Sie öfter dicke Kröten hervor…

Stimmt, es gab eine Menge Spezialeffekte. Aber ich habe einfach eine solche Freude am Spielen, auch nach all den Jahren noch. Bei Filmen mit vielen Tricks muss man mehr und genauer über die Abläufe Bescheid wissen und eventuell vorher mehr üben, bis die Technik sitzt und man sich wieder vollkommen aufs Spielen konzentrieren kann. Kompliziert an der Szene mit den Kröten war für mich eigentlich nur, gegen die reflexhafte Bewegung anzuarbeiten, die man beim Schluckauf normalerweise macht. Ich sollte den Körper eben nicht nach hinten, sondern nach vorne beugen, um die Kröten auf den Tisch zu spucken. Denn dort sollten die echten Kröten ja dann in einem Koffer landen.

Sie haben in sehr unterschiedlichen Kino- und TV-Filmen mitgespielt. Mainstream wie „Fack ju Göhte“ und Experimentelles wie „Goliath 96“. Auch Ihre Lesungen und musikalischen Abende sind immer völlig unterschiedlich. Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Projekte aus?

Ich habe keine Lust, mich zu langweilen oder mein Publikum zu langweilen. Daher versuche ich, mich von gewissen Stereotypen wieder zu verabschieden. Wenn man einmal eine sehr prägnante Rolle gespielt hat, bekommt man oft immer wieder einen ähnlichen Charakter angeboten. Das ist gar nicht vorwürflich gemeint. Aber mich interessieren eigentlich immer die Sachen mehr, die ich noch nicht kenne. Bei denen ich vorher noch ein wenig zittere und zuerst einmal gar nicht genau weiß, wie es funktioniert.

Sie sagen also viel ab?

Es ist ja immer kühn, so etwas zu sagen, weil man schnell auf ein einzelnes Statement reduziert wird. Aber ich glaube, eine Karriere, soweit man sie als Schauspieler überhaupt kreieren kann, schärft sich eher über das, was man absagt, als über das, was man zusagt.

Zugesagt haben Sie neben Oskar Roehlers Fassbinder-Film „Enfant Terrible“, der in diesem Jahr in die Kinos kommen wird, auch bei einem Vortragsabend mit Musik zum Thema Nürnberger Prozesse.

Ja, und ich freue mich schon, dass wir damit Ende Mai hier in München im NS-Dokuzentrum sein werden. Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Menschenrechts-Arbeit, und vielleicht war das der Grund, dass man mit dieser Idee ausgerechnet auf mich zukam. Die Regisseurin Nina Brazier, die an der Royal Opera in London arbeitete, schrieb mich an. Sie suchte eine deutsche Schauspielerin. Das Ganze war eigentlich als einmalige Sache gedacht. Aber wir verstanden uns alle so gut, der englische Menschenrechtsanwalt Philip Saints, die beiden französischen Musiker Laurent Naouri und Guillaume de Chassy und ich, dass wir als europäische Crowd weiterhin durch die Welt ziehen werden.

Sind Sie zufrieden mit den Rollen, die Ihnen angeboten werden?

Sie dürfen nicht vergessen: Ich bin eine Frau. Ich bin 50 Jahre alt. Da wird man normalerweise aussortiert. Das Phänomen der männlichen Kollegen, die bis Mitte 40 an renommiertesten Theatern spielen, um anschließend eine Filmkarriere zu beginnen – das finden Sie bei Frauen nicht. Daher freue ich mich, dass ich noch nicht aussortiert wurde, und nehme hier meine Vorbildpflicht sehr ernst.

Außerdem wird die Rollenauswahl für Frauen mit dem Alter enger…

Es bedarf viel Arbeit und Akquise, um weiterhin am Puls zu bleiben. In der deutschen Filmbranche ist man noch nicht so weit wie in den USA oder UK, wo #MeToo filmisch zu Innovation und Inspiration anregte.

Es kommt also zu wenig Impuls von außen in die deutsche Filmbranche?

Meines Erachtens ist es sinnvoll, wenn der Impuls von innen kommt. Sonst imitiert man ja nur. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, denn es gibt auch immer wieder tolle Rollenangebote wie in „Goliath 96“ von Marcus Richardt, die es wert sind, drei Jahre um die Finanzierung zu kämpfen, um am Ende ohne ausreichende Mittel zu drehen. Doch die Idee, der Stoff und die Figur sind großartig. Und so wird es auch weitergehen, da bin ich sicher.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

Artikel 6 von 11