Mahlstrom von Werden und Vergehen

von Redaktion

Der 27. Band von Anton G. Leitners Reihe „Das Gedicht“ nennt sich „Dichter an die Natur“

VON ALEXANDER ALTMANN

Dichter sind eben dichter dran. Darum offenbaren die Dinge, über die sie schreiben, im Gedicht oft fremdartige Anblicke, die der oberflächlichen Betrachtung sonst entgehen. Und so muss man sich nicht wundern, dass auch die Natur gelegentlich im ungewohnten Licht erscheint, wenn Dichter von heute sie bedichten. Der Münchner Lyriker Ulrich Johannes Beil etwa assoziiert in einem elegischen Text das wuchernde Grün eines verlassenen, verwilderten Gartens mit dem „Glioblastom“, dem wuchernden Hirntumor, der den einstigen Besitzer dieses Gartens umbrachte.

In einem Gedicht von Helmut Krausser geht es dann um den Iltis, der „gestern Nacht die / Ente ausgesaugt“ hat, „weshalb der Erpel / heute traurig ist und nicht mal / Haferflocken fressen will“. Büchner-Preisträger Jan Wagner wiederum dichtet über eine gruselige Heuschreckenplage zur Zeit Kaiser Karls IV. Und Yaak Karsunke stellt ausgerechnet in drolligen Kinderreimen über Katzen fest: „wenn sie ihren Hunger stillt / ist die Katze ziemlich wild // dann trinkt sie Blut – nicht Himbeersaft“. Dass auch der Mensch ein solch „natürliches“, gleichsam Blut trinkendes Lebewesen ist, daran erinnert Wolfgang Heyders Gedicht über den Anblick einer Kuh auf der Weide, in dem es heißt: „Du siehst schon das Fleisch auf der Theke“.

Aber bereits Woody Allen meinte ja, die Natur sei ein „riesiges Restaurant“, in dem die großen Fische die kleinen Fische fressen und diese die ganz kleinen. An solche ketzerisch nüchternen Einschätzungen fühlt man sich jetzt erinnert von etlichen Texten in der jüngsten Ausgabe der Jahresschrift „Das Gedicht“, aus der all die obigen Zitate stammen. „Dichter an die Natur“ lautet schön mehrdeutig das Motto des neuen Bandes, der diesmal eben Naturlyrik versammelt. Wieder hat Anton G. Leitner (Foto: Michèle Kirner), der in Weßling im Landkreis Starnberg diese renommierte Anthologie produziert, den Nerv der Zeit getroffen. Leitners sicherer Instinkt, sein seismografisches Feingefühl für Tendenzen der Gegenwartsdichtung scheinen auch im 27. Jahr seiner Herausgebertätigkeit ungebrochen, ja fast schärfer denn je.

In den vergangenen Jahrzehnten war das beherrschende Thema der Naturlyrik die Beschädigung einer Natur, die als „ursprünglich intakte“, also letztlich immer noch als Idylle gedacht wurde. Erstaunlich viele Texte in der neuen „Gedicht“-Nummer machen hingegen deutlich,  dass  diese  im Öko-Kleid versteckte romantische Schwärmerei inzwischen einer ambivalenten Haltung gewichen ist. Sie erahnt in der Natur den gleichgültigen, unmenschlichen Mahlstrom von Entstehung und Vernichtung. Der Paradigmenwechsel, der sich hier andeutet, wirkt in Zeiten des „Klima-Hypes“ umso erstaunlicher. Aber Dichter sind eben oft eine Vorhut des Zeitgeistes. Wer also heute ins neue „Gedicht“ schaut, weiß schon, was morgen im Schwange sein wird – und hat dabei noch ein großes Lesevergnügen. Naturgemäß, möchte man sagen.

Anton G. Leitner/Christoph Leisten (Hrsg.):

„Das Gedicht“ Band 27. Anton G. Leitner Verlag, Weßling, 192 S.; 15 Euro.

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