Es ist das Schicksal vieler zeitgenössischer Komponisten, dass ihre Uraufführungen oft schnell wieder in der Schublade verschwinden und Orchester zum nächsten neuen Werk weiterziehen. Glücklich schätzen darf sich also Dieter Ammann, dessen Klavierkonzert neben den Münchner Philharmonikern von gleich sechs Kooperationspartnern in Auftrag gegeben wurde. Einen engagierten Fürsprecher hat der Schweizer Komponist dabei vor allem in Pianist Andreas Haefliger, der nach der Premiere bei den Londoner Proms 2019 nun auch bei der deutschen Erstaufführung in der Münchner Philharmonie am Flügel Platz nimmt – und zwar heute, morgen und am 12. Januar (Gasteig; Karten unter 089/54 81 81 81).
Hat sich das Werk für Sie im vergangenen halben Jahr verändert?
Es ist immer noch nicht leichter geworden. (Lacht.) Wenn ich in meinem Kalender zurückblättere, um zu sehen, wie viel ich geübt habe, steht da über Tage nur „Ammann! Ammann! Ammann!“. Es ist technisch sehr anspruchsvoll. Und wenn man das mal geschafft hat, geht die Reise eigentlich erst los.
Welchen Einfluss haben dabei die Partner am Pult? In Kombination mit dem Ammann-Konzert taucht oft der Name von Susanna Mälkki auf, die jetzt auch die Philharmoniker leitet.
Mit ihr habe ich das Stück schon in Boston gemacht, und nach München sind wir damit in Edinburgh und Luzern. Für uns beide ist es eine spannende Situation, das Werk mit verschiedenen Klangkörpern zu erarbeiten. Und für ein unterschiedliches Publikum. US-Amerikaner sind ja immer besonders überschwänglich, wenn ihnen etwas gefällt. Aber auch in Taiwan, wo ich die Komposition mit Alexander Liebreich gespielt habe, war es ein großer Erfolg. Nicht nur bei den Zuhörern, sondern auch bei den Orchestermitgliedern, die viel Spaß hatten, sich darauf einzulassen.
Und für alle, die hier am Werk Gefallen finden, dürfen wir verraten, dass man auf die CD nicht mehr allzu lange warten muss.
Ja, auch das war eine gute Zusammenarbeit mit Susanna. Außerdem eine sehr interessante Kombination mit Ravels Konzert für die linke Hand und dem Dritten von Bartók. Als wir die CD geplant haben, kannte ich Dieters Stück noch gar nicht. Ich hatte zwar schon einzelne Passagen bekommen, aber die komplette Partitur kam erst sehr spät. Deswegen war es faszinierend zu hören, wie schön sich das von der Tonsprache her mischt und ergänzt.
Manche haben das Werk als „eklektisch“ bezeichnet. Wie gehen Sie mit solcher Kritik um?
Für mich ist Dieter einfach wie ein Maler, der sich verschiedener Techniken aus unterschiedlichen Epochen und Stilen bedient. Aber das auf eine höchst individuelle Art, die mir sehr viel Freude macht.
Hatte Sie als Interpret der Uraufführung Einfluss auf den Kompositionsprozess?
Nein. Ammann hat mich natürlich beobachtet, und wir haben am Anfang diskutiert, was im Klaviersatz möglich ist oder was mir angenehm ist. Aber dann kam eine Virtuosität zustande, die niemand erwartet hatte. Dieter hat sich drei Jahre Zeit genommen und unglaublich hart daran gearbeitet. Es beeindruckt mich, wie dicht, wie ideenreich und vor allem wie konsequent das komponiert ist. Die Spannung lässt nie nach. Auch was den Reichtum des Klangs angeht. Ich sage jetzt einfach mal, dass mir seit Ravel niemand mehr einfallen würde, der das Klavier so behandelt hat.
Ammann gilt als Grenzgänger, dessen Jazz-Wurzeln oft auch in seinen klassischen Werken zu spüren sind. Wie steht es mit dem Klavierkonzert?
Es gibt schon viele jazzhafte Rhythmen, obwohl ich weiß, dass das ein Wort ist, das er nicht liebt. Wenn man ganz dicht davorsteht, sieht man diese Elemente. Aber wenn man das Gesamtbild betrachtet, ist es eigentlich mehr eine Art Puls, der sich durch das Werk zieht.
Jazz lebt ja nicht zuletzt durch Improvisation. Wie viel Freiheit lässt einem Ammann?
Es gibt interpretatorische Freiräume, die ich mir bewusst nehme und die er auch schätzt. Er hat an einigen Stellen sogar gesagt, dass er es sich nicht so gut vorgestellt hätte. Und das nicht, um mir auf die Schulter zu klopfen. Das ist ja das Spannende an der zeitgenössischen Musik. Das Feedback der Komponisten, die einem teilweise Recht geben, wenn man mal ein Forte oder ein Pianissimo infrage stellt. Für mich ist das eine große Stütze für Werke, bei denen wir eben nicht mehr nachfragen können und unseren eigenen Weg finden müssen.
Das Gespräch führte Tobias Hell.