Zwischen den Stilen

von Redaktion

Rebecca Trescher in Münchens Unterfahrt

VON REINHOLD UNGER

Einer der eigenwilligsten Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts, der Sopransaxofonist Steve Lacy, wurde einmal gefragt, ob er in 15 Sekunden den entscheidenden Unterschied zwischen Komposition und Improvisation benennen könne. Lacy bewies geniale Schlagfertigkeit: „Beim Komponieren hat man alle Zeit der Welt, um 15 Sekunden Musik so gut wie möglich zu gestalten, beim Improvisieren hat man genau diese 15 Sekunden.“

Was uns zu Rebecca Trescher bringt. Die 33-jährige Klarinettistin und Komponistin gehört zu einer jungen Generation von Musikern, die qua Ausbildung mit dem klassischen Formenkanon ebenso vertraut ist wie mit den Improvisationsstrategien des Jazz. Und sie ist, dem Konzert ihres Tentetts in der Münchner Unterfahrt nach zu urteilen, unter den jungen Tonsetzern, die sich zwischen den Stühlen (beziehungsweise Stilen) ausgesprochen wohlfühlen, die vielleicht originellste.

Das Rebecca Trescher Tentett ist mitnichten eine bei der Finanzierung eingelaufene Big Band, sondern ein bewusst unkonventionell instrumentiertes Ensemble, dessen Klangbild neben Trompete und Saxofonen auch Harfe, Cello und Vibrafon prägen.

Trescher nimmt sich alle Zeit der Welt, für dieses Ensemble klug durchdachte Tongemälde zu komponieren, deren Leerstellen dann kompetente Solisten in Echtzeit ausfüllen. Die Klangfarbenmischung ist detailreich schillernd, oft wie impressionistisch hingetupft wirkend, aber Trescher kann, wenn nötig, auch die kräftigere, quasi expressionistische Geste. Das klingt so frisch, so eigen, so berückend – und gleichzeitig hat man das Gefühl: Da könnte sogar noch mehr gehen. Rebecca Trescher bei der Weiterentwicklung ihrer Tonsetzkunst auf den Fersen zu bleiben, könnte ein großes Vergnügen werden.

Artikel 7 von 8