Nicht lange ist es her, dass sie Abschied genommen hat. Dreieinhalb Jahrzehnte lang pflegte Tabea Zimmermann eine innige Beziehung zu ihrer Bratsche, die vom legendären französischen Instrumentenbauer Étienne Vatelot (1925-2013) gefertigt wurde. Eine Kostbarkeit, die sie sich zu Beginn der Karriere mit einem Wettbewerbsgewinn in Paris erspielt hat. Doch irgendwann siegte Notwendigkeit über die Nostalgie: „Die alte Viola wurde mir grifftechnisch etwas anstrengend.“ Die neue hat nun drei Millimeter kürzere Saiten, „klingt wunderbar, fast italienisch und ist sehr bequem“.
Und wenn Tabea Zimmermann dies alles in ihrem badischen Singsang erzählt, der mindestens so attraktiv klingt wie ihr Spiel, sich oft lachend unterbricht, begreift man: Da spricht keine verbissene, um sich kreisende, den Markt und andere Erfordernisse bedienen wollende Künstlerin, sondern eine Pragmatikerin. Ohne PR-Tamtam ist sie in die Spitzengruppe der Solistenszene aufgerückt. Und nun die Krönung: Heuer wird die 53-Jährige mit dem Ernst von Siemens Musikpreis geehrt. Die mit 250 000 Euro dotierte Auszeichnung bekommt sie am 11. Mai im Prinzregententheater überreicht.
Von Lahr im Schwarzwald, ihrer Geburtsstadt, hat es Tabea Zimmermann inzwischen nach Berlin verschlagen, ins schöne, ruhige Bayerische Viertel. In der Hauptstadt gibt sie ihre Kunst und ihre Einsichten an der Hanns-Eisler-Hochschule weiter. Und manchmal überrascht sie dabei ihre Studenten: Wenn sie zum Beispiel dazu auffordert, eine Stelle zu singen, bevor sie gespielt wird. „Mir geht es dabei nicht allein um die Kantabilität von Musik, sondern auch darum, dass man erst eine Vorstellung von einer Phrase entwickelt – um das dann auf dem Instrument umzusetzen.“
Mit einer der höchsten Auszeichnungen, die die Musikwelt zu vergeben hat, ehrt die Münchner Siemens Stiftung eine auf wohltuende Weise unangepasste, eigenwillige, zugleich offene, in jeglicher Hinsicht hellhörige Künstlerin. Zugleich manövriert sich die Stiftung aus einer Ecke heraus, in der sich nur Experten über den Preis austauschten. Arg häufig ging der in den vergangenen Jahren an Komponisten und Interpreten, die der breiten Öffentlichkeit nichts sagten.
Das Dogmatische, Vorgefasste ist Tabea Zimmermann fremd. Was auch damit zusammenhängt, dass sie verschiedene stilistische Strömungen kennengelernt hat. Zunächst in der Musikschule von Lahr, dann an der Musikhochschule in Freiburg, schließlich am Salzburger Mozarteum unter dem hochgeehrten Sandor Vegh – bei dem die Bilanz allerdings zwiespältig ausfällt: „Er setzte auf Fantasie, Flexibilität und Vorstellungskraft, das fand ich grandios. Er hat sich aber anderen Schülern gegenüber so gemein und abwertend benommen, dass ich nicht mehr hingehen konnte.“
Ab 1987 wollte sie es daher anders machen, in Saarbrücken, als damals jüngste Professorin Deutschlands. Seither fährt Tabea Zimmermann mehrfachgleisig. Als Pädagogin, als Solistin bei den weltweit bedeutendsten Orchestern und als Mitglied von Kammermusik-Formationen. Zugleich haben große Komponisten für sie geschrieben. Ohne Tabea Zimmermann hätte die Bratsche auch in der zeitgenössischen Musik nicht diese Bedeutung. Mit dem im Jahre 2000 gestorbenen israelischen Dirigenten David Shallon hat sie zwei Söhne, mit ihrem geschiedenen Mann Steven Sloane, ebenfalls Dirigent, eine Tochter.
Die Laudatio im Prinzregententheater wird Norbert Lammert halten, der frühere Bundestagspräsident. Gleichzeitig vergibt die Siemens-Stiftung rund 3,3 Millionen Euro an Nachwuchsmusiker und Institutionen. Und sicherlich wird bei alledem auch die kritische Haltung von Tabea Zimmermann zur Sprache kommen: „Musik ist zum Geschäftsmodell geworden. Popularität ist fast schon das Gegenteil eines Qualitätsmerkmals. Wir brauchen wieder mehr Mut zum Idealismus.“