Aus Science-Fiction-Filmen kennt man das ja: Zeitreisende geraten bei Ausflügen in die Vergangenheit oft unter schreckliche Steinzeit-Barbaren. Ganz so gefährlich ist es jetzt im Münchner Zentraltheater zwar nicht, aber eine Zeitreise kann man dort schon auch erleben: Ins München der frühen Siebzigerjahre, als Ausländer noch Gastarbeiter waren und Putzfrauen meist Einheimische, beamt uns Josef Rödl zurück.
Der bekannte Regisseur inszenierte auf der intimen Bühne des seit drei Jahren bestehenden Zentraltheaters Rainer Werner Fassbinders Filmklassiker „Angst essen Seele auf“ (1974) als konzentriertes, atmosphärisch ungeheuer eindringliches Kammerspiel.
Die damals skandalöse Geschichte der 60-jährigen deutschen Putzfrau Emmi, die den 40-jährigen Araber Ali heiratet, schockiert heute nicht mehr dieses Stoffes wegen, sondern weil Fassbinder seinerzeit die Stimmen und die Stimmung des Volkes eingefangen hat: Der schamlose, haarsträubend brutale Ausländerhass, wie man ihn inzwischen nur noch aus der rückständigen sächsischen Provinz zu kennen meint, war damals auch bei den Westdeutschen gang und gäbe, die in Fremden grundsätzlich dreckige, verbrecherische Bestien sahen.
Wenn der Abend trotz dieses thematischen Hintergrundes anrührend zarte, ja sogar komische Momente bietet, liegt das zum einen daran, dass der Regisseur den Tonfall zwischen Realismus und Künstlichkeit mit der Sicherheit eines Hochseilakrobaten balanciert. Auf der schlichten schwarzen Bühne mit ein paar Würfelhockern und Alltagsrequisiten ist jeder Satz wie ein Sprachpräparat ausgestellt, aber zugleich sofort wiedererkennbar.
Und es liegt zum anderen natürlich auch an der „Starbesetzung“ mit prominenten Münchner Film- und Bühnengrößen: Michele Cuciuffo, bis zur vergangenen Spielzeit Publikumsliebling am Residenztheater, gibt den Marokkaner Ali mit herb-sanfter Noblesse, aber er bewahrt ihm gleichzeitig jene Fremdheit und Würde des Befremdlichen, die nötig sind, um die Geschichte nicht zur blauäugigen Integrations-Idylle zu verkitschen. Die famose Kathrin von Steinburg (das Marei im „Brandner Kaspar“ am Volkstheater) fasziniert mit erschreckend lebendigen Karikaturen der „einfachen Frau“, die immer artifiziell genug bleiben, um die Figuren nicht kabarettistisch als einverständige Lachnummer zu verharmlosen.
Genauso gekonnt zeigt Peter Rappenglück das männliche Pendant dazu: mal als prolliger Bierdimpfel im Unterhemd, der seiner Frau droht („Glei fangst oane“), mal als scheißfreundlicher, aber tückischer Kramer, der mit Blick auf den Umsatz erklärt, manchmal müsse man eben seine „Abscheu“ vor dem Ausländer zurückstellen. Und absolut großartig ist endlich Sarah Camp als Emmi: auch sie eine „einfache Frau“, die aber so unsicher wie hartnäckig ihren Weg gegen die bornierten Konventionen der Gesellschaft geht, trotz der Anfeindungen durch ihr gesamtes Umfeld: eine stille, unfreiwillige Heldin. Heftiger Jubel.
Weitere Aufführungen
am 27., 28. und 29. Januar (ausverkauft, Restkarten
eventuell noch unter Telefon 089/30 65 94 86), Paul-Heyse-Straße 28.