Die höhere Tochter

von Redaktion

Regensburg widmet sich mit Jüri Reinveres Oper „Minona“ Beethovens angeblichem Kind

VON MARKUS THIEL

Und wenn nun alles erfunden ist? Das heimliche Treffen im Juli 1812? Die Liebesnacht mit der verheirateten, angebeteten, als „unsterbliche Geliebte“ zu Briefruhm gelangten Josephine von Stackelberg? Die Geburt des gemeinsamen Kindes neun Monate später? Fest steht: Minona gab es wirklich, die Vaterschaft ist jedoch ungeklärt. Und nur eine DNA-Analyse könnte letztlich beweisen, ob sie tatsächlich Beethovens Tochter ist, wie manche Forscher mit Groschenromanschaudern ausführen.

Auf besondere Weise hängt sich das Theater Regensburg an die Spektakelkette zum 250. Geburtstag des Nationalkomponisten dran. Für seine dort uraufgeführte Oper „Minona“ hat der estnische Komponist, Librettist und Journalist Jüri Reinvere die Generalentschuldigung parat: Hier gilt’s der Kunst, nicht der Wahrheit. Und tatsächlich bewegt sich Reinvere  in seinem Zweiakter weg von der Historienschilderung. Minona und ihre Mutter sind Besonderlinge und Stellvertreterinnen für alle Frauen, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts aufmachten zu einem neuen Rollenbild.

Josephine, geborene Brunsvick und mehrfach verheiratet, wollte sich nicht abfinden mit der Funktion des erfüllenden, dienenden Objekts. Wo Beethovens Musik von allumfassender Freiheit donnert, bezog sie diesen Drang erst einmal auf sich und ihre Leidensgenossinnen. Reinvere münzt das um in ein zweiaktiges, gut zweistündiges Reflexionsdrama, in dem Rückblick und Bericht wichtiger sind als lineare Handlung. Man verfolgt also Zwie- und Selbstgespräche: zwischen Josephine und einer adeligen Vertrauten, zwischen Minona und ihrer Schwester oder dem gewalttätigen Vater, der sie der Mutter entriss, nach der Pause dann zwischen Minona und einem befreundeten Grafen, bevor alles in Monologisierendes einer Suizidgefährdeten mündet.

Reinvere schreibt dazu eine Musik, die sich über zwei Drittel des Stücks in hoher, körperloser Dezenz bewegt. Tonalität ist greifbar, aber nicht partiturbestimmend. Die Singstimme ist für ihn am wichtigsten. Es gibt Akkordbrechungen, die sich in Schleifen bewegen, auch Expressives, Spätestromantisches, in dem Alban Berg widerhallt. Und oft entwickelt sich alles blockhaft weiter wie im klassischen Rezitativ, wenn sich der Gesang über wechselnde harmonische Zusammenhänge und Flächen fortbewegt. Erst im zweiten Akt, in dem sich Minonas Drama existenziell verdichtet, wird auch die Musik gewichtiger, spreizt sich im Ausdruck, gewinnt an Fallhöhe, bis es zur schwarzen Apotheose kommt. Beethoven zitiert Reinvere wohlweislich nicht, nur Textstellen, fast am Ende singen vier Solisten das Quartett „Mir ist so wunderbar“ aus dem „Fidelio“ über einem vollkommen entgegenlaufenden Orchesterpart.

Ein feines klangliches Understatement kennzeichnet diese Musik, die sich manchmal auch (zu) stark mit sich selbst beschäftigt. Dirigent Chin-Chao Lin und das Philharmonische Orchester Regensburg nehmen Reinveres Angebote dankbar und kundig auf – die intensive Wirkung ist auch der musikalischen Fraktion inklusive der bewundernswerten Sänger zu verdanken. Herausragend: Theodora Varga als junge Minona, vor allem Anna Pisareva in der Doppelrolle als Josephine und alte Minona, eine packende, mit dramatischem Potenzial gestaltete Charakterstudie.

Regisseur Hendrik Müller treibt mit Marg Weeger (Bühne) und Katharina Heistinger (Kostüme) das Denkangebot von Reinveres Oper weiter. Nicht nur um ausweglose Frauenschicksale geht es, die schon die Belcanto-Komponisten mit ihren vermeintlich wahnsinnigen Heldinnen zeigten, sondern auch um Wohl und Wehe der Beethoven-Pflege. Die Drehbühne bietet zwischen Bibliothek, Gitterkäfig, Devotionalienzimmer oder Gebetsraum immer wieder neue, surreale Arrangements. Beethovens Vorbilder und von ihm Beeinflusste zwischen Mozart und Wagner treten auf.

Doch am frappierendsten ist die Gleichsetzung von Minona mit der umstrittenen Pianistin Elly Ney. Minonas Selbstsuche in der Nachfolge eines Genies verschränkt Müller mit der in brauner Zeit hofierten Künstlerin, die sich als Hohepriesterin eines Komponistenkults begriff. Hier die angebliche leibliche Tochter, dort die vorgebliche Tochter im Geiste, das gibt dem Stück einen aparten Dreh, der als hintergründiger Beitrag zum Beethoven-Jahr funktioniert. Hochrespektabel und aufreizend ist das, was den Regensburgern da glückte. Das ewige Wiederkäuen von „Fidelio“ und Symphonien sollen ruhig andere übernehmen.

Nächste Aufführungen

am 2., 18., 26. Februar sowie 4. und 7. März; Karten unter Telefon 0941/507 24 24.

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