„Alle Frauen sind Superheldinnen!“

von Redaktion

Gala ohne Gastgeber, starke Filme und Dankesworte an Mütter: So war die Oscar-Nacht

VON KATJA KRAFT

Zufall? Vielleicht. Oder doch ein bisschen Furcht des männerdominierten Hollywoods vor Natalie Portmans scharfer Zunge? Die Golden Globes vor zwei Jahren sind ja nicht vergessen. Da durfte die Schauspielerin den Preis in der Kategorie „Beste Regie“ übergeben. Und verkündete: „Hier kommen die komplett männlichen Nominierten.“ Hübscher linker Haken. Verändert hat sich dadurch – nichts. Auch bei der 92. Verleihung der Oscars am Sonntagabend (Ortszeit) in Los Angeles ist unter den nominierten Regisseuren nicht eine Frau. Portman lässt man sicherheitshalber den Preis für das beste adaptierte Drehbuch übergeben, unter den Anwärtern dafür neben vier Männern immerhin noch Greta Gerwig.

Man könnte den Mantel des Schweigens über diese Unverhältnismäßigkeit breiten. Oder man macht es wie Portman: legt sich einen Mantel über die eigenen Schultern – einen, der nicht schweigt, sondern eine Botschaft in die Welt sendet. Per goldenem Faden in den Stoff gestickt. Mehrere Namen prangen da, der von Lulu Wang zum Beispiel. Deren Film „The Farewell“ feierte nicht nur unser Kritiker als „leises Meisterwerk“.

Ja, vielleicht liegt es genau an dieser manchmal zu leisen Art, dass Frauen trotz glänzender Leistungen nicht nur in dieser Branche hinter die häufig polternden männlichen Kollegen zurückfallen, wenn es um Anerkennung geht. Dabei können doch auch die Ladys ordentlich poltern! Und hätten es an diesem Abend ruhig noch stärker tun dürfen. Brie Larson, Sigourney Weaver und Gal Gadot machen es ja vor, als sie lachend auf die Bühne stürmen und – in Anlehnung an ihre eigenen Kinorollen – rufen: „Alle Frauen sind Superheldinnen!“

Ansonsten fehlt der Dampf bei dieser Gala, die mehr und mehr zur heruntergeratterten Preisvergabe verkommt. Millionen Fernsehzuschauer schlagen sich weltweit die Nacht um die Ohren, um bei der Verleihung einer Trophäe dabei zu sein, die doch immer noch als wichtigster Filmpreis der Welt gilt – und werden enttäuscht. Weil man wie im Vorjahr auf einen Moderator verzichtet. Während 2019 zumindest das Duett von Lady Gaga und Bradley Cooper und starke Reden für einen Hauch von Unterhaltung sorgten, geht es dieses Mal kaum über die obligatorischen Forderungen nach „mehr Diversität“ hinaus. Eminems musikalischer Auftritt wird zwar vom Publikum gefeiert – im TV aber hört sich’s merkwürdig an. Ist das Mikro kaputt? Nö. Die Amerikaner zensieren. Bei jedem derben Wort wird der Ton heruntergedreht. Davon gibt’s einige in „Lose yourself“, einem Lied von 2002 – scheint keinem der Verantwortlichen je aufgefallen zu sein. Oder warum hat man sich, wenn der Text so unpassend scheint, für diesen Song entschieden?

Einzig Joaquin Phoenix findet Worte, die nicht in der allgemeinen „Ich danke meiner Mutter“-Litanei (vielen, sehr vielen Müttern wird an diesem Abend gedankt) durchrauschen. Der 45-Jährige erinnert daran, warum er Filme macht. „Um denen eine Stimme zu geben, die ihre Stimme nicht erheben können.“ Ganz konkret appelliert er, menschlicher mit anderen Lebewesen umzugehen. „Mit mir zu arbeiten ist nicht leicht. Viele hier haben mir schon einmal eine zweite Chance gegeben. Das ist die beste Seite der Menschheit – einander zu helfen.“

Das war ein überaus starkes Kinojahr. Gute Filme bieten Inspiration, Aufheiterung, die Möglichkeit, gedanklich andere Lebenswege durchzuspielen – und manchmal einfach nur Unterhaltung. Es gab eine Zeit, da hat Hollywood das mit all seinem Talent fürs Entertainment einmal im Jahr gefeiert. Es scheint, als sei diese Zeit vorbei.

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