Erst München, dann Hollywood

von Redaktion

Für Bayerns Filmbranche ist der vierfache Oscar-Preisträger Bong Joon-ho kein Unbekannter

VON KATJA KRAFT

Tom Hanks ist völlig aus dem Häuschen. „Up! Up! Up!“, rufen er und alle, die mit ihm in der ersten Reihe des Dolby Theatre in Los Angeles sitzen. Dazu reißen sie ihre Arme in die Höhe. Immer wieder. „Licht an!“, soll das heißen. Denn selbst wenn der Bursche jetzt schon zum vierten Mal an diesem Abend auf der Bühne steht – sie können nicht genug von ihm bekommen in Hollywood.

Die 92. Oscar-Verleihung ist gerade zu Ende gegangen, das Team um Regisseur Bong Joon-ho steht noch freudetaumelnd vor dem Publikum, die Scheinwerfer aber wurden schon gelöscht. Dann haben die Techniker ein Einsehen. Fahren sie erneut hoch. Und wir sehen noch einmal die kleine Sensation: den ersten nicht-englischsprachigen Regisseur, der nicht nur den Auslands-Oscar, sondern auch in den Kategorien „Bestes Drehbuch“, „Beste Regie“ und „Bester Film“ gewann.

Erstaunlicherweise scheinen sich selbst die leer ausgegangenen Mitnominierten für den Südkoreaner zu freuen. Warum? Weil er’s verdient hat. Weil sein überall auf der Welt Zuschauerrekorde brechender „Parasite“ so viel mehr ist als nur eine bissige, schwarzhumorige Gesellschaftssatire. Bong pendelt darin zwischen Thriller und Romanze, Splatter und Agatha Christie, Drama und Slapstick. Obwohl die Menschen auf der Leinwand uns äußerlich gar nicht zu ähneln scheinen, gelingt es Bong, dass wir uns in ihnen wiedererkennen – mit all unseren Ängsten, Schwächen, Widerwärtigkeiten.

Nach dem Vierfachsieg in Los Angeles werden viele Schmeichler kommen und den so gefeierten Bong umgarnen. In München hat man das nicht nötig. Hier wusste man schon lange vor dessen Gewinn der Goldenen Palme in Cannes im vergangenen Jahr und den Oscars jetzt, was für ein außergewöhnlicher Filmemacher der 50-Jährige ist. „Er war schon zu Beginn seiner Karriere bei uns“, erzählte Filmfestchefin Diana Iljine bei der Retrospektive für Bong, die 2019 auf dem Filmfest München stieg. Damit ist der Südkoreaner lebendiger Beweis dafür, dass das Konzept der Münchner aufgeht. Immer wenn der Vorwurf aufkommt, Iljine und ihr Team würden zu wenige große internationale Stars auffahren, hält die Chefin gern zweierlei dagegen. Dass man erstens durchaus Schauspielgrößen von Antonio Banderas bis Michael Caine bieten könne; dass man aber zweitens auch auf junge Talente setze, die sich noch entwickeln. Und die, stelle sich der große Erfolg ein, ihre Förderer von einst nicht vergessen würden.

Bong Joon-ho gehört zu ihnen. Seine Bescheidenheit und Höflichkeit hat er sich bei allem Ruhm bewahrt. Als er Oscar Nummer eins gewinnt, huscht ein ungläubiges Lächeln über sein Gesicht, schüchtern fast. Bei Oscar Nummer zwei genauso. Und beim dritten? Entschuldigt er sich fassungslos bei den anderen Regiepreis-Anwärtern Todd Phillips, Quentin Tarantino, Sam Mendes und Martin Scorsese. Ob man nicht einfach ein Messer nehmen und ihn fünfteilen könne, den kleinen goldenen Kerl? Goldiger Vorschlag.

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