Eine unerhörte Frau

von Redaktion

Die Comic-Biografie „Alles ist Dada“ erzählt von Emmy Ball-Hennings

VON MICHAEL SCHLEICHER

Es ist der Dichter Hermann Hesse, der diesen Satz sagt: „Wir Schriftsteller schreiben nur über uns selbst. Es ist keine Frage des Egos, sondern des Überlebens.“ Tatsächlich ist es ein Glücksfall, dass Emmy Hennings (1885-1948) geschrieben hat. 1913 debütierte sie mit dem Gedichtband „Die letzte Freude“, sechs Jahre später erschien der autobiografische Roman „Gefängnis“; weitere Publikationen folgten. Ihre Werke hat der spanische Autor und promovierte Historiker Fernando González Viñas ganz genau studiert. Das gibt seiner Graphic Novel „Alles ist Dada“, die gerade auf Deutsch erschienen ist, eine Tiefe, die das Buch besonders lesenswert macht.

Emmy Hennings war Diseuse, Schauspielerin, Drogensüchtige, Autorin, Teilzeit-Prostituierte sowie die Muse vieler Künstler erst der Berliner, dann der Münchner Bohème in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann Hugo Ball gründete sie 1916 in Zürich das „Cabaret Voltaire“, das heute als Keimzelle der Dada-Bewegung gilt. Es wäre also einfach für González Viñas und seinen Zeichner José Lázaro gewesen, in ihrem Buch das Klischee der verwegenen Sängerin und schillernden Femme fatale effektvoll zu variieren.

Freilich gibt es auch solche Passagen in „Alles ist Dada“. Dennoch genügt den Autoren das nicht. Denn Emmy Hennings war mehr als die genannten Abziehbilder. Sie war eine (Überlebens-)Künstlerin, die alle Härten einer männerdominierten, militarisierten Welt kennenlernen musste – ebenso wie die eigenen Abgründe und Abhängigkeiten. Davon schreibt sie unter anderem in ihren Büchern. „Meine Gedichte handeln nur von meiner Realität. Sie sind meine offenen Adern“, legt González Viñas ihr an einer Stelle in den Mund. Kurz zuvor heißt es: „Ich bin immer Emmy gewesen. Transparent.“

Folgerichtig ist Hennings selbst die Erzählerin dieser Comic-Biografie, die auf einem Friedhof beginnt (mit dem Tod des Vaters, als Emmy gerade 16 geworden ist) – und deren Kreis sich auf dem Gottesacker von Sant’Abbondio in der Schweiz schließt: „Die Vorstellung ist zu Ende.“

In acht Kapitel ist Emmy Hennings’ Lebensgeschichte aufgeteilt, die en passant auch von deutschsprachiger Kulturgeschichte berichtet. Als junge Frau spielte sie am Theater, tingelte durch Wirtshäuser und Varietés. In Berlin lernte sie den Kritiker Alfred Kerr und den Autor Ferdinand Hardekopf kennen, der sie mit nach Frankreich nahm. Schließlich zog Hennings nach München, trat in Kathi Kobus’ Künstlerkneipe Simplicissimus an der Türkenstraße auf. „Lotte Pritzke, Kandinsky, Franz Marc, Van Hoddis, Hugo Ball – sie waren das München, das mich erwartete“, heißt es dazu im Buch. „Nicht zu vergessen auch andere, wie Frank Wedekind.“ Natürlich sind diese Passagen für bayerische Leser besonders interessant. Und obwohl manches aus dramaturgischen Gründen verkürzt dargestellt ist, beeindruckt „Alles ist Dada“ durch den Faktenreichtum und das spannende Widerspiegeln von Zeitkolorit und Alltagsatmosphäre.

Gezeichnet ist die Graphic Novel in Schwarz-Weiß; José Lázaro versteht das Spiel mit Schraffierungen und Schattierungen. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Strich vor allem in den dynamischen Szenen oft etwas unbeholfen und steif wirkt. Lázaros Stärke sind dagegen die Porträts – gerade die Abbildungen bekannter Zeitgenossen wie Wedekind, Hesse, Lenin und Erich Mühsam glücken präzise und dennoch lebendig. Ein Spaß für alle Kunstfreunde ist zudem, wenn der Zeichner Werke aus der Epoche zitiert, etwa von Klimt, Munch, Kandinsky oder Grosz.

González Viñas und Lázaro holen unterhaltsam und informativ Ball-Hennings aus dem Schatten von Hugo Ball und porträtieren sie als eine Schlüsselfigur des Dadaismus. Oder, in ihren Worten: „Ohne mich seid ihr niemand.“ Und dieses Selbstbewusstsein steht ihr gut, dieser unerhörten Frau.

Fernando González Viñas/ José Lázaro:

„Alles ist Dada – Emmy Ball-Hennings“. Avant-Verlag, Berlin, 232 Seiten; 25 Euro.

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