„Frauen haben mehr Energie als Männer“

von Redaktion

Wim Wenders über Parität im Filmgeschäft, das Kinosterben und den Neustart der Berlinale

Der deutsche Regisseur Wim Wenders setzt sich auf der Berlinale im Rahmen der Veranstaltung „Talents Circles Expanded“ für junge Filmschaffende und deren Projekte ein. Im Interview spricht der 74-Jährige über Frauen im Filmgeschäft, das Kinosterben und den Neustart der Berlinale.

Bei dem „Talents Circles Expanded“ geht es um die Nachwuchsförderung. Wie wichtig ist dabei der Fokus auf Frauen? Immerhin werden Festivals wie Cannes und Venedig dafür kritisiert, dass nur wenig Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten sind.

Bei der Talents-Veranstaltung und den ausgezeichneten Projekten wurde sehr deutlich, dass die Frauen im Zentrum stehen: dass ihre Projekte Hand und Fuß haben, dass sie zeigen, was sie können. Diese Talents sind die Zukunft des Kinos.

Wie schafft man es, dass diese weiblichen Stimmen irgendwann auch im Kino gehört werden?

Das fängt ganz vorne an, bei der Ausbildung. Es fängt also auch bei den Filmschulen an. Man muss Frauen das Wort geben und darauf achten, dass es eine Parität gibt. Ich habe in meinen Jahren als Professor (an der Hochschule für bildende Künste Hamburg; Anm. d. Red.) mehr Frauen unterrichtet als Männer und mehr begabte Regisseurinnen kennengelernt. Im Regiebereich scheint man allerdings noch nicht bereit dafür zu sein. In manchen Berufen ist man schon weiter. Ich habe schon viele Filme mit Kamerafrauen gemacht, und ich arbeite praktisch nur mit Cutterinnen. Es ist viel in Bewegung, auch wenn sich das noch nicht niederschlägt in den Wettbewerben der großen Festivals. Manchmal mache ich mir sogar schon Sorgen um die Anwesenheit der Männer. Denen fehlt oft diese Energie, die viele Frauen haben.

Eine weitere große Veränderung geht von den Streamingdiensten aus. Wie können sich Kinos da behaupten?

Wir verfolgen gerade ein großes Kinosterben. Es ist dramatisch, was hier in Berlin am Potsdamer Platz mit der Schließung des Cinestar-Kinos passiert ist: Acht Leinwände sind weg, von einem Tag auf den nächsten. Verleiher machen pleite, Weltvertriebe verlieren ihre Funktion, weil die Streamingdienste Filme global vertreiben. Es ist gut, dass es innerhalb dieser Streamingbranche Konkurrenz gibt – und das Kino als Gegengewicht. Wir brauchen dabei ein anderes Kino als bisher. Es muss regionaler sein als die global abrufbaren Inhalte im Internet. Damit meine ich lokalere Geschichten, Sprachen und Geschmäcker. Das ist das, was die Leute angeht. Das ist das Kino, das etwas verändert – und dieser Planet braucht Veränderung.

Die Berlinale feiert in diesem Jahr ihre 70. Ausgabe – mit Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek als neuem Führungsduo. Wie ordnen Sie deren Auftakt ein?

Das ist jetzt noch viel zu früh, um irgendwie zu urteilen. Man spürt schon, dass beide extrem qualifiziert sind. Die werden nicht nach nur einem Jahr sagen: Genauso machen wir weiter. Mariette und Carlo werden viel probieren, und das wird zwei, drei Jahre brauchen, damit es sich einspielt und eine Handschrift bekommt. Die Berlinale hat mit den bereits gezeigten Filmen ihr ohnehin schon politisches Profil geschärft.

Wie kann sich die Berlinale positionieren gerade in Hinblick auf die anderen A-Festivals Cannes und Venedig?

In diesem Jahr wurden die Oscars vor der Berlinale verliehen, das hat dieses Festival sehr getroffen. Sonst haben viele Filmschaffende Berlin noch für einen letzten Schub vor den Oscars genutzt. Dennoch gibt es weiterhin ein Alleinstellungsmerkmal: Die Berlinale bleibt das A-Festival zu Beginn des Jahres, wo die Filmwelt zusammenkommt. Ich finde die Berlinale nach wie vor den Hammer! Ich bin froh, dass ich hier lebe und dass es das einzige Festival ist, wo ich zuhause bleiben kann und alle zu uns kommen.

Das Gespräch führte Aliki Nassoufis.

Artikel 3 von 6