Ja, heute! Heute zückt man sein Smartphone und drückt aufs Knöpfchen, Pardon: aufs Display. Aber damals, um 1839, als das alles losging mit der Fotografiererei? Da war es nichts mit Aufnahmen in Millisekundenschnelle. Da mussten die Porträtierten dazu ermahnt werden, eine ganze Weile brav stillzuhalten. Und mussten Bergverrückte wie der Partenkirchner Bernhard Johannes (1848-1899) trainierte Oberarme haben, um ihre so geliebten Gipfel aus der Nähe für die Nachwelt festhalten zu können. „Eine Kamera war noch nicht so handlich wie heute. Die in die Alpen heraufzutragen, war nicht leicht“, betont Cornelia Jahn. Sie hat die Schau kuratiert, die ab morgen in der Bayerischen Staatsbibliothek zu einer sehenswerten Reise einlädt. Von den Anfängen der Fotografie bis in die 1970er-Jahre führt „MÜNCHEN. SCHAU her!“
Und immer wieder möchte man selbst rufen: Da schau her! Denn das ist ja das Besondere am Medium Fotografie. Dass es dem Betrachter mehr noch als ein Gemälde suggeriert, bei einer historischen Szene dabei zu sein. Ein Ereignis selbst über 100 Jahre später live mitzuerleben.
Doch Obacht, auch die ganz frühen Fotokünstler wussten schon zu manipulieren. Fake News – im Westen nichts Neues. Heinrich Hoffmann (1885-1957) beispielsweise. Der persönliche Fotograf Adolf Hitlers hatte keine Skrupel, in seine Bilder nachträglich Personen per Retusche einzufügen. Wie in die Aufnahme von Hitlers Unterzeichnung des Münchner Abkommens vom 29. September 1938. Edouard Daladier, zweiter von rechts, wurde hineinmontiert. In diesem Falle ziemlich stümperhaft und für kritische Betrachter leicht zu erkennen. „Allerdings besitzen wir auch einige Bilder, bei denen bis heute nicht klar ist, ob da nachträglich getrickst wurde“, erzählt Jahn.
Aus einem Archiv von 2,5 Millionen Fotografien hat sie mit ihren Mitarbeitern die rund 270 nun gezeigten ausgewählt. Im Sommer 2019 sind wie berichtet durch die Übernahme des „Stern“-Fotoarchivs 17 Millionen weitere Bilder hinzugekommen. „Darauf weisen wir am Ende der Schau als farbenfroher Rausschmeißer hin“ – denn die digitale Erfassung dieses neu gewonnenen Schatzes folgt ja erst noch. Der Katalog ist angesichts dieser Fülle von Motiven mehr als ein Austellungs-Begleiter – ein opulenter Bildband nämlich, in dem München-Begeisterte unzählige Seiten der Stadt entdecken können. Sie steht im Zentrum der Schau. Mit sehenswerten Ausnahmen. Wie denen von der fröhlichen Isar-Floßfahrt 1959 im Landkreis. Oder Josef Beierls (1905-1943) alpinen Aufnahmen der Berchtesgadener Berge. Entstanden in den 1930er-Jahren – als sich Adolf Hitler dort oben mit dem Berghof ein Idyll schuf. Wer die spätere Sprengung desselben am 30. April 1952 dokumentierte, ist nicht bekannt. Es muss einer oder eine gewesen sein, der oder die im entscheidenden Moment so viel mehr leistete, als nur aufs Knöpfchen zu drücken – um für die Nachwelt etwas festzuhalten, das es lohnt, genauer anzusehen. Münchner und Touristen, schaut her!
Bis 21. Juni
So.-Fr. 11-18 Uhr;
Katalog (Schirmer/Mosel): 29,80 Euro;
Telefon: 089/ 28638 2115