„Die einzige Corona-Therapie“

von Redaktion

Rund 200 000 Internet-Nutzer verfolgen Igor Levits Konzert in seiner Wohnung

VON TOBIAS HELL

Mindestens fünf Wochen ohne Theater, ohne Konzerte, ohne Musik? Nicht mit Igor Levit! Er hat dem Coronavirus auf seine Art den Kampf ansagt: mit Hilfe seiner liebsten Social-Media-Plattform Twitter und einer Art Hauskonzert 2.0, das der Pianist am Donnerstagabend erstmals präsentierte. Wobei es nicht einer gewissen tragischen Ironie entbehrt, dass die Trends, die man in der rechten Spalte neben seiner ersten Ankündigung las, vor allem von Hashtags wie #Covid_19, #Schulschliessungen oder #CoronavirusPandemic dominiert wurden.

Kurz nach 19 Uhr ist es dann so weit mit der Live-Schaltung in Levits Wohnung, wo er ungezwungen im Pullover und lediglich mit Socken an den Füßen das Wort an die Online-Gemeinde richtet. „Es ist ein Experiment! Die Zeit ist, wie sie ist. Wir sind alle zum Zuhausesein gezwungen. Und das ist auch richtig so. Aber irgendwas muss man tun. Ich habe mir gedacht, bringen wir das Hauskonzert ins 21. Jahrhundert. Und deswegen gibt es Musik von mir für Euch aus meinem Zuhause.“

Was folgt, ist für knappe 25 Minuten ein kleines Stück Normalität. Wie aus dem Probenalltag eines Musikers. Und natürlich mit dem Komponisten, der 2020 auch Igor Levits Terminkalender dominieren sollte: Ludwig van Beethoven. Seine „Waldstein-Sonate“ sorgt bei den Twitter-Usern unmittelbar für Begeisterung. Schon in den ersten Minuten klinken sich über 2000 Follower in den Stream ein, der bis zum Folgetag rund 200 000 Mal abgerufen wird. Mit Trend nach oben.

„Musikgenuss aus der Twittharmonie“, wie gleich mehrere Fans das ungewohnte Format taufen. Aber auch die übrigen Kommentare sprechen Bände. „Meine Mutter hat sich extra für dieses Event bei Twitter angemeldet.“ „Das ist es, wofür Musik da ist. In schweren Zeiten Hoffnung zu geben!“ Die positiven Wortmeldungen reißen die ganze Sonate über nicht ab. Aus Berlin, München, Köln, aber auch aus Irland, Italien, Spanien und Österreich. Auf den Punkt gebracht vom Nutzer @RoiKoenig: „Social! Media ausnahmsweise in Echt! Danke dafür aus Tübingen.“ Dass die Tonqualität aus den Lautsprechern des Laptops nicht immer die beste ist und bei manchen der Stream zwischendurch auch mal kurzzeitig hängt – völlig egal. „Die einzige Corona-Therapie!“ Solange der Musikentzug im öffentlichen Raum anhält, will Levit diese Aktion so oft wie möglich wiederholen. „Morgen Abend wieder. Und wieder. Und wieder. Irgendwie gegen Depression vorgehen. Gegen Dunkelheit, auch wenn es nichts besser macht.“

Da ist er womöglich eine Spur zu pessimistisch. Wie wichtig das scheinbare Luxusgut Kultur ist, scheint vielen offenbar erst jetzt bewusst zu werden, da man dazu gezwungen ist, darauf zu verzichten. Sei es nun das langjährige Opern-Abonnement oder das vielleicht einzige Konzert des Jahres, dem man monatelang entgegengefiebert hatte. Besser macht es das im Moment vielleicht tatsächlich nicht, aber wie @MarinaMeyn Igor Levit und der übrigen Twittergemeinde mit auf den Weg gibt: „Musik macht die Welt für diesen Moment zu einem friedlicheren Ort.“

Münchner Konzert:

Am kommenden Montag, 20 Uhr, sind Igor Levit, Dirigentin Joana Mallwitz und das Bayerische Staatsorchester im Stream aus dem Nationaltheater zu erleben; www.staatsoper.de.

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