„Die Zeit ist reif“

von Redaktion

INTERVIEW  Heinz Rudolf Kunze über sein neues Album und den Musikmarkt

Heinz Rudolf Kunze ist einer jener Musiker hierzulande, die gefühlt schon immer da waren, die schon immer die Lage der Nation in ihren Liedern kommentiert haben. Kunze (63) stammt noch aus einer Zeit, in der Musik zur politischen Meinungsbildung diente. Das ist auch beim neuen Album „Der Wahrheit die Ehre“ nicht anders, das nun erschienen ist. Heinz Rudolf Kunze stellt es am 17. Mai in der Münchner Tonhalle vor (Kritik siehe links).

Wenn man anfängt, an einem Album zu arbeiten, herrscht eine Grundstimmung. Wie war die bei dem aktuellen Projekt?

Sie war geprägt durch zwei Männer, die hinter mir standen. Einmal mein Manager Matthias Winkler, der sagte: „Vollgas! Mach, was Du willst. Beiß Dir nicht auf die Fingernägel und lass’ diese ein, zwei Anbiedereien an die Schlagerwelt sein. Das brauchen wir nicht mehr. Du magst es nicht, ich mag es nicht, und geholfen hat es auch nicht.“ Der zweite Mann war Udo Rinklin, der zehn Jahre jünger ist als ich und eher vom Indierock geprägt als vom 70er-Jahre-Rock wie ich. Der hatte das Werkzeug dazu, meine Ideen kraftvoll und knallig klingen zu lassen. Der hat die Struktur meiner Songs auf höchst interessante Weise verändert. Das hat bisher so niemand bei mir gewagt.

Es ist auf jeden Fall ein eher schmutziges Kunze-Album.

Das ist Udos Arbeit. Meine Gitarre klingt teilweise wie die Old Black von Neil Young.

Sind Sie ein großer Fan von Neil Young?

Ja, obwohl mich sein neues Album „Colorado“ ein wenig wehmütig stimmt, weil er einfach schon recht alt ist und diese Musik mit der Band Crazy Horse sehr physisch ist. Die Kraft hat er einfach nicht mehr. Ich bin da zwar traurig, kaufe aber trotzdem alles von ihm, bis er stirbt. Einmal Neil Young, immer Neil Young.

Es gibt unzählige Platten von ihm. Wie viele gibt es von Ihnen?

Meiner Zählung nach sind es 39 Alben.

Sie beziehen in Liedern gerne politisch Stellung. Ist das inzwischen schwerer geworden?

Na ja, es wird einem nicht gedankt. Diese Lieder werden in den Medien einfach nicht gespielt. Ich hatte schon immer viele Lieder, die sich fantastisch geeignet hätten als Hintergrundmusik zu einer „Hart-aber-fair“-Diskussion oder „Anne Will“. Sie wurden aber nie gesendet. Johannes B. Kerner war da eine Ausnahme. Der hat gemerkt, dass „Aller Herren Länder“ sich für seine Flüchtlingssondersendung eignete. Das Lied wurde viel im Radio gebracht, obwohl es Inhalt hatte. Ein ähnliches Potenzial sehe ich im neuen Song „Die Zeit ist reif“. Wenn es denn gespielt wird im Radio.

Ist das auch einer der Gründe, warum sich viele Kollegen politische Lieder verkneifen?

Vielleicht. Ich kann nicht für meine Kollegen sprechen. Es fällt mir nur auf, dass es viele gibt, die zwar ihre Meinung kundtun, aber in ihrer eigentlichen Arbeit, in ihren Liedern, das nicht vorkommen lassen. Ich finde aber, dass es an allererster Stelle in unsere Arbeit hineingehört. Ich kann mir ein Leben als Schreiber nicht vorstellen, in dem man nur über Liebe schreibt. Ich bin ziemlich entsetzt über die Generation junger Singer-Songwriter, die im Grunde nichts zu sagen haben. Es kann doch nicht sein, dass wir alten Säcke denen die Revolution beibringen müssen?

Es geht die Angst um, gar keinen Plattendeal zu bekommen, wenn man das Maul aufreißt.

Das mag wohl sein. Die Lage der Musikindustrie ist ja bekanntermaßen prekär. Als ich angefangen habe 1981 bei Warner Brothers, da hatten die 500 Mitarbeiter. Heute 30. Die Musikindustrie wirkt wie ein Kaninchen vor der Schlange. Sie sieht ratlos, fassungslos und tatenlos zu, wie die Musik enteignet wird. Fürs Streaming bekomme ich 0,00001 Cent oder so. Dabei geht es mir nicht um das Medium. Meinetwegen kann es meine Musik auch als Duftspray geben, wenn ich dafür angemessen entlohnt werde.

Dann fehlt aber das Haptische eines Tonträgers mit Artwork et cetera.

Ich selbst werde mich natürlich mit meinen 63 Jahren nicht mehr umstellen. Ich möchte das Objekt haben.

Wenn man so lange im Geschäft ist, wundert man sich wahrscheinlich, warum man mal im Trend ist und dann wieder nicht. Was war der Erfolg, der Sie am meisten erstaunt hat?

Meine größte Überraschung war mein größter Hit „Dein ist mein ganzes Herz“, von dem ich gar nichts gehalten habe. Ich machte den Text auf eine Musik, die Heiner Lürig schon hatte. Und das war dann so wie bei „Paranoid“ von Black Sabbath. Das war die letzte Nummer des Albums, die entstand. Wir hatten neun tolle Songs und ein zehnter Song fehlte. Das war so eine Wegwerfidee. Ich habe dem Produzenten Conny Plank mein Herz ausgeschüttet und gemeint, das könne ich doch so nicht veröffentlichen. Und Conny Plank meinte nur: „Junge, nimm es auf, du wirst es nicht bereuen.“ Dann habe ich gemerkt, dass die Sekretärinnen von Warner das Lied auf den Gängen pfiffen, noch bevor es erschienen ist. Da hat mir gedämmert, dass es ein Hit wird.

Hat Sie das mit dem Lied versöhnt?

Ich muss so einem Lied natürlich dankbar sein, weil es so viel Gutes in meinem Leben bewirkt hat. Aber ich habe immer frank und frei gesagt, dass ich es nicht für eine meiner besten Nummern halte. Im Gegenteil. Ich habe auch nie begriffen, warum die Leute es so lieben. Natürlich spiele ich es. Ich bin kein Miles Davis, der mit dem Rücken zum Publikum steht. Ich danke ihm und bin ihm verpflichtet.

Das Gespräch führte Antonio Seidemann.

Konzert

am 17. Mai in der Münchner Tonhalle.

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