Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er sich seinen Geburtstag, den 22. März, ausgerechnet mit Andrew Lloyd Webber teilt. Denn im Gegensatz zu seinem 18 Jahre jüngeren britischen Kollegen, der geradezu als Inbegriff des massentauglichen Kommerzmusicals gilt, eilt Stephen Sondheim der Ruf des „Komponisten für Kenner“ voraus. Lange Laufzeiten waren seinen Shows selten beschieden. Doch Sondheims Bedeutung für die Entwicklung des modernen Musicals steht ebenso außer Zweifel wie die Tatsache, dass seine Stücke heute (zumindest im englischsprachigen Raum) fester Bestandteil des Genrekanons sind: oft als limitierte Aufführungsserie, dafür gern höchst prominent besetzt. Filmgrößen wie Catherine Zeta-Jones, Jake Gyllenhaal und Jeremy Irons standen in seinen Produktionen ebenso auf der Bühne wie Opernstars vom Format eines Bryn Terfel.
Zu seinem 90. Geburtstag an diesem Sonntag kann Stephen Sondheim wahrscheinlich auf mehr Auszeichnungen zurückblicken als jeder andere lebende Vertreter seiner Zunft. Neben der von Barack Obama verliehenen Presidential Medal of Freedom erhielt er unter anderem jeweils acht Grammy, Drama Desk und Tony Awards, einen Oscar und 1985 sogar den Pulitzer Prize für das bewegende Künstlerdrama „Sunday in the Park with George“, das in deutschen Landen bislang erst zweimal auf die Bühne kam. Was wie bei den meisten Sondheim-Werken nicht an einem Mangel an Melodien liegen dürfte.
Viele seiner Songs wie „Send in the Clowns“ oder „Being alive“ sind längst zu Standards geworden. Der Grund, warum Sondheim nach wie vor selten bei uns gespielt wird, liegt eher an den mit doppelbödigen Reimen gespickten Texten, die Übersetzern Schweißperlen auf die Stirn treiben und sich nur selten adäquat übertragen lassen. Was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass der Komponist über Jahre als Nebenjob kniffelige Kreuzworträtsel für das „New York Magazine“ konstruierte.
Das Theaterhandwerk hat er von den ganz Großen gelernt. Einer der ersten Mentoren war bereits in Teenager-Tagen Musicallegende Oscar Hammerstein II, mit dessen Sohn er befreundet war. Bis seine eigene Musik erstmals am Broadway erklang sollten trotzdem noch einige Jahre ins Land ziehen.
Denn zunächst war vor allem das Sprachtalent Sondheims gefragt, der unter anderem die Songtexte zur „West Side Story“ (1957) und zu Jule Stynes „Gypsy“ (1959) schrieb. Zwei Klassiker, die ihm, wie er oft augenzwinkernd gesteht, bis heute gute Tantiemen einbringen.
Diese finanzielle Absicherung erlaubt es ihm, in der Wahl seiner Stoffe Risiken einzugehen. Viele von Sondheims Stücken fallen in den Bereich des sogenannten Concept Musicals, bei dem sich Handlung und Figurenzeichnung einer alles bestimmenden Grundidee unterordnen. Was sich im Fall der konsequent im Dreivierteltakt komponierten „A little Night Music“ (1973) deutlich publikumsfreundlicher erwies als die chronologisch rückwärts laufende Handlung des Kult-Flops „Merrily we roll along“ (1981). Anderes, wie „Sweeney Todd“ (1979) oder „Into the Woods“ (1987), hat es in den vergangenen Jahren sogar zu Hollywood-Ehren gebracht, spät, aber immerhin. Nicht zu vergessen Sondheims Gastauftritt bei den „Simpsons“, diese TV-Serie zitierte ihn bereits zuvor ebenso gern wie „Desperate Housewives“. Es mag manchmal vielleicht einen zweiten oder sogar dritten Anlauf benötigen. Aber wer sich auf Sondheim einlässt, entdeckt einen Komponisten, der immer wieder mit Klischees bricht und das Publikum ein ums andere Mal überrascht.