„Ich übe ohne Ende“

von Redaktion

Sängerin Tara Erraught über ihre Zwangspause und Lieder für ihren Opa

Tara Erraught singt weiter. Auch wenn gerade alle Engagements weggebrochen sind und sie an das Haus in ihrer irischen Heimat gefesselt ist. Man kann sie, die bis 2018 zum Ensemble der Bayerischen Staatsoper gehörte und München noch eng verbunden ist, zurzeit im Internet hören. Auf Facebook, Instagram und Twitter singt sie Duette mit Angela Brower. Die Kollegin befindet sich allerdings an einem ganz anderen Ort, die Technik macht’s möglich. Außerdem gibt es noch so viel Neues zu lernen. Ein Gespräch mit einer wohltuend optimistischen Künstlerin.

Wie geht es Ihnen?

Ich bin Gott sei Dank topfit und inzwischen wieder daheim in Irland. Eigentlich sollte ich die Titelrolle von Rossinis „La Cenerentola“ an der New Yorker Met singen. Am Donnerstag der vorletzten Woche um kurz vor 13 Uhr wünschten sich in der Garderobe noch alle toi, toi, toi. Fünf Stunden vor der Premiere musste plötzlich alles schließen, und sechs Vorstellungen wurden abgesagt. Ich bin gleich zurück nach Hause. Auf meinem Plan sind im Mai Vorstellungen von „Don Giovanni“ in Berlin. Nach Ostern sollen die Proben beginnen. Ich weiß nicht, ob das klappt. Wir müssen einfach warten. Es könnte alles viel schlimmer sein.

Und was machen Sie gerade?

Ich übe ohne Ende! Damit meine ich Fitness, aber besonders die Musik. Es ist wie eine ganz komische Urlaubszeit. Wir wohnen hier auf dem Land und sehen nicht so viele Leute. Ich fühle keine Panik in diesen Tagen. Mein Problem ist nur: Ich bin immer total ungeduldig. Damit muss ich jetzt umgehen. Ich lerne zum Beispiel gerade Lieder und neue Rollen. Ich liebe Mozarts „Così fan tutte“. Nachdem ich in dem Stück schon Despina war und Dorabella, übe ich jetzt die Fiordiligi. Meine Lehrerin wird mich töten, wenn sie das erfährt.

Haben Sie als Freiberuflerin denn keine Angst vor einem leeren Terminkalender?

Bis jetzt noch nicht. Klar: Es findet vieles nicht statt. Aber mir imponiert, wie die Deutschen in dieser Krise alles gerade organisieren – im Vergleich zu anderen Ländern. Die USA und Großbritannien reagieren nicht so vorsichtig. Das Einzige, was ich mir denke: Diese „Cenerentola“ an der Met, für die ich vor fünf Jahren den Vertrag unterschrieben und auf die ich mich so wahnsinnig gefreut habe – ist diese große Chance jetzt weg? Was ich in New York City während der Probenzeit erlebt habe, war die totale Panik. Nachdem Trump seine Rede gehalten hatte, dass keine Ausländer mehr ins Land gelassen werden, sind die Leute in die Supermärkte gestürmt. Es gab irrsinnig lange Schlangen. Das war crazy. In Irland gab es für ein, zwei Tage Aufregung….

…weil Iren cooler sind?

Wahrscheinlich. Es ist gerade alles ruhig. Alle bleiben daheim. Ich warte einfach zwei Monate ab, dann schaue ich mal. Manchmal denke ich mir: „Wie dumm, dass du vor eineinhalb Jahren aus dem Münchner Festvertrag raus bist.“ Doch dann ist dieses Gefühl gleich wieder weg, ich habe ja viele und tolle Engagements. Panik ist einfach nicht mein Ding. Wir können nur warten. Und in China kehren die Menschen wieder in die Öffentlichkeit zurück, das gibt doch Hoffnung. Das Geld ist für mich nur ein Ding, wenn auch ein wichtiges. Das andere ist: Ich brauche die Auftritte wie eine Droge!

Wie kam es zur Duett-Aktion mit Angela Brower?

Angela und ich haben schon zwölf Weihnachtslieder gemeinsam gesungen und auf Facebook, Instagram und Twitter gepostet. Wir hatten in der vergangenen Woche gedacht, dass wir nochmals ein paar Videos in diesem Stil machen könnten – und dass dies die Leute in diesen Tagen vielleicht brauchen. Es geht um Lachen, Positives und um die tägliche Musik.

Und was passiert nach der Krise?

Es wird nicht einfach sein, das Publikum in die Säle zurückzuholen. Viele, vor allem ältere Menschen, werden noch Angst haben vor dem Virus. Vielleicht wird das auch eine neue Geburtsstunde für das Lied. Gerade diese Konzerte kann man ja vor kleinerem Publikum veranstalten, dann trauen sich die Leute auch eher hin. Ich gebe immer acht bis zehn Liederabende pro Saison und muss dauernd darum kämpfen. Mag sein, dass dies nun anders wird. Ich habe übrigens einen 93-jährigen Opa, der jeden Tag arbeitet. Ihm ist gerade furchtbar langweilig, weil er nichts unternehmen darf. Es gibt bei uns immer einen 10-o’Clock-Tea, der muss nun ausfallen. Für ihn ist das die Hölle. Und da wir beide nicht im selben Raum sein dürfen, weil ich ja aus den USA zurückkam und Abstand halten muss, bin ich neulich einfach in den Garten, während er bei geöffnetem Fenster im Zimmer saß. Da habe ich ihm all die irischen Lieder vorgesungen, die er so liebt.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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