Wie kann’s anders sein? In Auerbachs Keller ist es verdammt eng. Vor allem, lautete Mephistos Rat, müsse Faust in „lustige Gesellschaft“ gebracht werden. „Es ist aber Ausgangssperre“, ruft Julia Riedler. Mag sein. Dennoch ist das legendäre Lokal innerhalb weniger Sekunden so voll, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben ihr Publikum eingeladen, sich online zuzuschalten in die Live-Cam-Vorstellung von „Yung Faust“.
2019 feierte die Inszenierung von Leonie Böhm Premiere an den Münchner Kammerspielen. Eine sehenswerte „einstündige Spritztour durch das deutsche Über-Drama schlechthin“, urteilte unser Kritiker. Am Dienstagabend hat das Ensemble nun live im Internet gespielt: Julia Riedler, Annette Paulmann, Benjamin Radjaipour und der Musiker Johannes Rieder sind natürlich auch zuhause – und wurden via Onlineplattform Zoom zu einer Konferenz zusammen geschaltet. Nach der Vorstellung war die Performance 24 Stunden lang online zu sehen – bis Redaktionsschluss nutzten dieses Angebot rund 7000 Menschen. Zum Vergleich: Die Kammer 2, wo „Yung Faust“ normalerweise läuft, hat 240 Plätze.
„Man ist ja nur froh, dass man mit der Technik klarkommt“, sagt Paulmann einmal. Das ist ein bisschen Koketterie. Denn diese Inszenierung entwickelt eine besondere Kraft: Da ist die Magie des virtuellen Mitmachens wie in Auerbachs Keller. Da gibt es aber auch immer wieder erstaunlich zarte, intime Momente, vor allem zwischen Riedler und Paulmann. Letztere zeigt zudem ein wahrlich herzzerreißendes Solo: „Ich glaube, ich bin viel zu viel allein.“ Die Rollen wechseln, ebenso die Perspektiven: Die Künstlerinnen und Künstler nehmen ihr Publikum mit durch die Räume, in denen sie sich aufhalten. Gespielt wird ein Best-of-Goethe, wobei der Text oft erstaunlich gut zur aktuellen Lage passt – oder passend gemacht wurde. „Wohin ist alle Angst?“, fragt Riedler am Ende. „Wir sind frei. Trotz Quarantäne.“ So ist es.