Sie ist nicht nur im hiesigen Kunstleben eine Institution, sondern auch über Deutschland hinaus: Die Münchner Galeristin Barbara Gross hat ihren Künstlern zu zahllosen Museumsausstellungen im In- und Ausland verholfen – aber auch zu Werkankäufen durch öffentliche Sammlungen von der Pinakothek der Moderne bis zum Centre Pompidou in Paris. Nach 32 Jahren wird die leise „Influencerin“ im Mai jetzt ihre Galerie schließen. Wir erreichten sie am Telefon zuhause.
Darf ich Sie kurz vom Corona-Thema ablenken?
Ach, ich hab gerade so viel Arbeit mit Blick auf die Schließung, da lasse ich mir nicht zu sehr die Laune verderben. Klar, wir schauen alle mit Schrecken auf das, was da passiert. Aber wenn wir das gut überstehen, stehen wir wieder auf, obwohl es sicher hart werden wird. Wir wollten zum Abschied auch noch ein Fest machen für meine Sammler und Künstlerinnen, aber damit sieht es jetzt schlecht aus.
Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf den letzten Tag der Galerie im Mai?
Die schlimmste Zeit hab’ ich schon hinter mir. Denn es war nicht einfach, mich zur Schließung durchzuringen. Das habe ich mir natürlich langfristig überlegt. Und bis so ein Entschluss reift, das dauert. Im Januar stand es dann fest, und insofern hat es natürlich auch nichts mit Corona zu tun.
Sie handeln quasi nach dem Motto: Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören…
Es gab viele schöne Erlebnisse in dieser Zeit. Das bemerkt man selbst oft gar nicht so, während man mitten im Betrieb steckt. Wenn ich es aber im Rückblick zusammenzähle, sehe ich doch, dass ich viel bewirken konnte. Um nur München als Beispiel zu nehmen: Da wurden viele Ausstellungen im Haus der Kunst angeschoben durch Präsentationen, die ich in der Galerie hatte. Oder nehmen Sie die Schenkung von Kiki Smith an die Graphische Sammlung, die ich vermitteln konnte. Trotzdem war die ganze Tätigkeit immer wieder hart.
Woran denken Sie dabei?
Ich musste vieles als Einzelkämpferin ganz alleine machen, weil ich in Deutschland kaum andere Galeristinnen als Mitstreiter hatte. Da habe ich mich oft gewundert und gefreut, dass ich von meiner kleinen Galerie in München aus viele Künstlerinnen pushen konnte, die man anfangs hierzulande nicht kannte.
Ist also „Networking“ das Entscheidende für den Erfolg?
Mir war vor allem die Vernetzung mit den Museen, Kuratoren und Kuratorinnen sehr wichtig. Zu ihnen habe ich meist einen besseren oder schnelleren Draht gehabt als zu Sammlern. Natürlich haben wir in den ersten Jahren auch an private Sammler verkauft. Aber es war tatsächlich schwer, Werke von Künstlerinnen, auch wenn sie schon einen Namen haben, an große Sammler zu bringen. Die erwerben nach meiner Erfahrung bis heute lieber männliche Künstler.
Wie das? Sind deren Werke als Investment sicherer?
Sie sind teurer und verkaufen sich besser – auch wenn es immer öfter Ausnahmen gibt und manche Künstlerinnen sich heute auch gut verkaufen. Aber noch in den Neunzigerjahren war das sehr, sehr schwierig. Darüber könnte ich ein Buch schreiben, was ich alles an Negativem über die Künstlerinnen damals hören musste, wenn ich sie anbot. Inzwischen hat sich zwar viel geändert, aber dass eine Maria Lassnig genauso gut ist wie ein Arnulf Rainer beispielsweise, das ist auf dem Kunstmarkt bis heute erst ganz allmählich angekommen. In Österreich ist man Künstlerinnen gegenüber da allgemein aufgeschlossener.
Gehen Sie jetzt in Ruhestand und legen die Beine hoch?
Bestimmt nicht. Ich habe nach wie vor ein Lager in München und ein Büro, da werde ich einzelne Künstler weiterhin betreuen, aber eben eher als Agentin. So wie etwa Musiker ebenfalls ihre Agenten haben, die für sie das Geschäftliche abwickeln. Ich freue mich auch, dann vielleicht für Künstlerinnen, denen ich bisher nicht so viel Zeit widmen konnte, mal eine Ausstellung oder einen Verkauf anzustoßen.
Werden Sie etwas vermissen?
Vielleicht die Gespräche und Einführungen mit den Künstlern in der Galerie. Das haben gerade die Besucher in München sehr geschätzt. Dieser Aspekt der Vermittlung und Werk-Erklärung war mir wichtig, darum habe ich immer wieder Führungen angeboten. Ich erhalte auf die Nachricht von der Schließung gerade viele Reaktionen von Leuten, die schöne Erlebnisse mit der Galerie verbinden, das freut mich natürlich.
Das Gespräch führte Alexander Altmann.