Eine sehr besondere Frau

von Redaktion

Helena Janeczek nähert sich in „Das Mädchen mit der Leica“ der Fotografin Gerda Taro

VON TERESA GRENZMANN

Wäre Helena Janeczek eine Fotografin, sie stünde wahrscheinlich nicht vor, sondern neben ihren Objekten. Denn sie würde Porträts nicht nur durch ihre eigenen, sondern durch die Augen derer fotografieren, die den Porträtierten nahestehen.

Aber die in München geborene, bei Mailand lebende Janeczek ist Autorin, das Leben der Fotografin Gerda Taro (1910-1937), dem sie in „Das Mädchen mit der Leica“ nachspürt, liegt bereits achtzig, neunzig Jahre zurück, und die raren Augenblicke mit der Porträtierten beschränken sich auf eine Handvoll Fotos, ein wenig Biografisches. Und dennoch, obwohl sie zu einem großen Teil von der Fantasie der Schriftstellerin geformt wurde, ist da nach 350 Seiten das Gefühl, auf sehr eindringliche, spannende und wahrhaftige Weise eine Persönlichkeit kennengelernt zu haben, die man so schnell nicht mehr vergessen wird. Denn aus der Vielseitigkeit der Perspektiven, beschrieben in einem gleichermaßen intellektuellen wie emotionalen Tonfall, dem man Janeczeks begeisterte Recherchelust und Anteilnahme anmerkt, entsteht in diesem Buch eine wunderbare Momentaufnahme voller Authentizität.

Natürlich liegt der mitreißende Charme des 2017 mit dem italienischen Premio Strega ausgezeichneten Romans zuallererst begründet in seiner außergewöhnlichen Hauptdarstellerin. Schön, stolz, elegant und glamourös, gleichzeitig kess, schlau, willensstark, politisch engagiert und bei all dem auch noch „unwiderstehlich liebenswert“ – schon bei ihrem ersten Zusammentreffen in Leipzig nimmt die 20-jährige Stuttgarterin Gerda Pohorylle (so ihr bürgerlicher Name) alle für sich ein. Willy Chardack verguckt sich augenblicklich in sie, Ruth Cerf wird ihre beste Freundin und mit Georg Kuritzkes verbindet sie bald eine besondere „Allianz, in der Politik wie in der Liebe“.

Diese drei Weggefährten – mit obendrein ihrerseits bewegten, für sich einnehmenden biografischen Welten – werden sich später an „unsere Gerda“ erinnern. Aus ihren drei völlig unterschiedlichen Blickwinkeln, (politischen) Zeiten und Lebensräumen heraus wird Janeczek die Puzzleteile der Geschichte nacheinander zusammensetzen. Der viel zu kurzen Geschichte, denn Gerda Taro, womöglich die erste Kriegsfotografin der Welt, stirbt mit nur 26 Jahren während eines deutschen Angriffs im Spanischen Bürgerkrieg – „in einem Krieg, den sie mit ihren Bildern für alle gewinnen wollte“.

Es ist eine Zeit der Unruhe, in der ihr erwachsenes Leben spielt. Die Stationen Leipzig, Paris, Spanien sind überschattet vom Nationalsozialismus, von Protesten, Verhaftung, Hunger, Flucht und Krieg. Doch auch dafür wird Gerda Taro geliebt: für ihr Talent, das Schwere leicht zu nehmen. Nur einer kann ihr in Sachen Unabhängigkeit, Entschlossenheit und Kampfgeist für Gerechtigkeit das Wasser reichen – denkt sie –, und das ist André Friedmann, ein Ungar, mit dem sie im Pariser Exil von 1934 erste fotografische Streifzüge unternimmt. Gerda verliebt sich in den „sympathischen Angeber“ mit der Leica. Seine Namensänderung in Robert Capa ist ihre Idee zur Selbstvermarktung – ein durchschlagender Erfolg.

Abenteuerlich ist schließlich auch der Weg, den ein geschmuggelter Koffer voller Bilder 1939 von Paris aus nimmt. Als dieser 1997 in Mexiko wieder auftaucht, ist ein wichtiger Teil des berühmten Fotoarchivs von Robert Capa gerettet. Und mit ihm nicht nur einige Meilensteine aus Gerda Taros Werk, sondern auch die Erinnerung an eine begnadete Pionierin der Kriegsfotografie, eine mutige, gefeierte Heldin im Kampf gegen den Faschismus und an eine sehr besondere Frau.

Helena Janeczek:

„Das Mädchen mit der

Leica“. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Berlin Verlag, 352 Seiten; 22 Euro.

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