Timo Bauer ist genervt: „Auf welchen Drogen bist denn du?“, schreibt er in die Kommentarspalte auf der Facebookseite der Münchner Kammerspiele. Das Theater zeigte am Dienstag seine zweite Live-Cam-Premiere in der Corona-Krise: Nach „Yung Faust“ (wir berichteten) gab es gut eine Stunde lang „Werther’s Quest for Love“ nach Motiven aus Goethes Briefroman von 1774. Premiere hatte die Inszenierung von Jonny-Bix Bongers mit Vincent Redetzki vor einem Jahr.
Damals war Corona ausschließlich eine Biermarke und das Internet als Spielstätte für Theater uninteressant. Die Produktion hatte jedoch Ankerpunkte in der virtuellen Welt. Denn Bongers geht davon aus, dass Werther seinen derben Gefühls-Tsunami heute nicht einem Brieffreund offenbaren, sondern diesen in den Wirbeln der Sozialen Netzwerke teilen würde. Idealer Stoff also für eine Live-Cam-Vorstellung. Dennoch startet der Abend schwerfällig. Die „Drogen“, die Zuschauer Bauer bei Redetzki vermutet, sind rasch benannt: Eifersucht und Liebeskummer. Beides vor der Kamera zu zeigen, ist indes knifflig: Zu lange sehen wir den Desktop von Werthers Computer, auf dem er sich bei Youtube wild durch Film- und Musikschnipsel zum Thema Liebe klickt. Das ist so naheliegend wie uferlos und auf Dauer zäh. Erst als Redetzki endlich Text hat, als er spielt und mit einem großen Pappmaché-Kopf interagiert, kann er Interesse für seine Figur wecken, die da einsam in einem traurigen Zimmer hockt und ihr Leid in die Weiten des Netzes heult.
Den virtuellen Spielplan
der Kammerspiele gibt es unter www.muenchner-kammerspiele.de.