„Wir könnten übermorgen spielen“

von Redaktion

Gärtnerplatz-Intendant Josef Köpplinger über sein Haus im Corona-Zustand

Das Haus ist zwar geschlossen, aber nicht stillgelegt. Josef E. Köpplinger, Intendant des Gärtnerplatztheaters und beneidenswert optimistisch, ist sogar auf dem Sprung – mit nur geringem Vorlauf könne er den Laden wieder anlaufen lassen. Trotzdem gibt es Frust: Die Uraufführung von „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ wurde abgesagt.

Sind Sie wütend oder frustriert über die Situation gerade?

Ich bin nicht derjenige, der beurteilen kann, wie gefährlich dieses Virus ist. Aber ich sehe die Notwendigkeiten ein. Theater geht auch weiter, wenn es nicht fürs Publikum geöffnet ist. Das Theater ist für mich ein Ort der Humanität. Es ist eine magische, auch utopische Welt. Und wir müssen zeigen: Wir werden nach dieser Krise wieder da sein. Wir bereiten uns so vor, dass wir am Tag X spielbereit sind. Immerhin haben wir einiges aus unserer fünfjährigen Umbauphase, aus dieser Achterbahnfahrt gelernt. Und ganz allgemein: Theater hat bis jetzt alle großen Katastrophen überlebt. Es ist eine der Grundfesten der Gesellschaft, damit wir nicht in die Barbarei zurückfallen.

Am 23. April wollen Sie eigentlich die für Sie so wichtige Uraufführung „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ herausbringen. Was wird daraus?

Es ist offensichtlich, dass wir die Produktion nicht zeigen können – weil wir nicht proben können. Die Vorbereitungen liefen über Monate. Nehmen wir nur die Solisten: Camille Schnorr, Mathias Hausmann und Daniel Prohaska haben Megapartien, für die sie schon eine immense Vorarbeit geleistet haben. Nun ruht alles. Und jetzt kommt was ganz Verrücktes: Wir diskutieren mit den Beteiligten hauptsächlich am Telefon oder per Skype über Figuren – und haben nun plötzlich mehr Zeit dafür. Wann die Uraufführung kommt, das weiß ich nicht. Das Projekt durchziehen und alle gefährden, das wäre nie und nimmer gegangen.

Was halten Sie von den gerade so angesagten Streams?

Ich bin ein Freund von Live-Theater. Dass das Streaming ein tolles Zeichen ist, um die Kraft eines Hauses zu demonstrieren, ist mir bewusst. Wir bekommen ein unfassbar gutes Feedback für die hochkreativen Beiträge unserer Ensemblemitglieder, die von daheim aus Videos verbreiten. Das sind wunderbare Aktionen.

Wie schnell können Sie das Gärtnerplatztheater wieder hochfahren?

Ich bin optimistisch. Wenn ich eine Woche vorher weiß, dass es losgehen soll, und sei es, dass nur Parkett und Balkon geöffnet werden dürfen, dann habe ich rund 17 Varianten von zur Verfügung stehenden Produktionen – sofern alle Beteiligten gesund bleiben inklusive Werkstätten und Technik. Wir sind dort überall am unteren Ende der Skala personell ausgestattet. Ich gehe sogar noch weiter: Wenn Sie mir sagen, übermorgen muss ich spielen, wird das klappen. Das ist funktionierendes Repertoiretheater.

Wäre die Verkürzung der Theaterferien eine Option, um einiges aufzuholen? Ein früherer Start in die Saison 2020/21?

Wir haben ja schon die gesamte kommende Spielzeit disponiert. Da noch nicht klar ist, wann und wie wir öffnen, kann ich noch nichts über Umschichtungen sagen. In der jetzigen gibt es noch ein Riesenprojekt mit Bernsteins „Mass“, Premiere am 18. Juni. Ich spreche ständig mit Adam Cooper, wie wir im Zweifelsfall die Probenzeit verkürzen können. Er ist ein Handwerker genauso wie ich, sodass solche Maßnahmen möglich wären. Und Ferien verkürzen: Die Leute machen doch jetzt keine Ferien, das wäre unfair.

Wie schwer war es für Sie, von 150 auf 20 herunterzufahren?

Ganz schlimm. Ich denke da an Fassbinders „Angst essen Seele auf“. Ich hatte auch manchmal Angst, nämlich vor dem Ungewissen, nicht vor dem Virus. Ich habe oft Angst vor dem Verhalten mancher Menschen in Verbindung mit dem Virus. Am schlimmsten finde ich jene, die eine so selbstüberzeugte Meinung von der Situation haben, dass sie sich damit selbst überschätzen. Anfangs dachte ich, die Krise und die Theaterschließung haben mir 80 Prozent meines Lebens genommen. Doch dann entdeckt man, was das Leben auch sein kann. In der Verlangsamung liegt doch eine Chance. Und ich glaube, eines der ersten Dinge, die nach der Krise wieder die Pforten öffnet, das muss die Kunst sein. Weil die Menschen das brauchen, um nicht zu ersticken.

Was passiert überhaupt am Gärtnerplatz im Stand-by-Betrieb?

Wir haben einen regelmäßigen Jour Fixe in der Leitungsebene. Ich bin fast jeden Tag hier, auch andere Mitglieder des Hauses. Die Dramaturgie arbeitet im Homeoffice oder trifft sich ab und zu. Künstler kommen freiwillig zum Üben – wobei sie strikte Sicherheitsanweisungen haben. Wer zu Hause ein Klavier hat, sollte bitte dort bleiben. Aber mancher kann sich in München gar keine Wohnung mit entsprechendem Platz leisten, also darf er zu uns ins Haus. Mit dem gebotenen Abstand und den hygienischen Maßnahmen. Unsere Werkstätten sind auf einen Minimalbetrieb zurückgefahren. Wir haben ja keine ausgelagerten wie andere Häuser, Abstand halten ist also noch wichtiger. Die Maske arbeitet teils bei uns, teils daheim. Das Ballett muss dringend trainieren, da gibt es tägliche Video-Einheiten über Skype. Und unsere Schneiderei erzeugt neben den laufenden Arbeiten Mundschutzmasken.

Denken Sie sich manchmal: erst dieses ewige Exil und dann auch noch Corona?

Vielen Dank für die Frage, aber eigentlich brauchen wir kein Mitleid. Wir stemmen das schon. Ich reagiere andererseits ein bisschen empfindlich auf Undankbarkeit. Nehmen wir die Finanzierung nach dem Wiedereinzug: Man hat uns für Dinge blamiert, die nicht in unserer Macht standen. Ich will mich aber nicht beklagen – sondern nach Corona weiter für uns werben. Theater ist und bleibt unverzichtbares Spiegelbild von Seele und Geist, vor, während und nach Corona. Wir schaffen das!

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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