„Wie es weitergeht, ist fraglich: Die Menschen sind sehr verunsichert und kaufen keine Karten für die nächsten Produktionen! Alles, was wir in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut haben, ist nun bedroht!“ Wenn auch von Thomas Pekny sachlich vorgebracht, ist dies doch der Hilferuf eines Theaterchefs, der in der aktuellen Corona-Krise für die Not aller Kunstschaffenden steht. Pekny, renommierter Bühnenbildner sowie Professor für experimentelles Gestalten und Kommunikation im Raum, übernahm nach dem Tod seiner Lebensgefährtin Margit Bönisch (1942-2016) die von ihr ab 1992 geleitete Münchner Komödie im Bayerischen Hof. Der Prinzipal, größtenteils auch Ausstatter der Produktionen, war erfolgreich – bis zur Pandemie-bedingten Kultur-Stilllegung. Wir sprachen mit Pekny über die Folgen für sein Haus.
Am 15. März hieß es „Vorhang zu“ fürs Rosamunde-Pilcher-Musical „Wechselspiel der Liebe“ nach 19 Vorstellungen und nach nur dreien auch für Laurent Ruquiers „Diese Nacht oder nie“ der Münchner Tournee. Dieses mit dem Betrieb der Komödie parallel laufende Gastspielunternehmen sichert in normalen Zeiten die Existenzgrundlage fürs Stammhaus am Promenadenplatz…
Ja, und durch diesen doppelten Ausfall haben wir für den März Umsatzeinbußen von mindestens 400 000 Euro. Das ist schlichtweg existenzbedrohend. Wir erhalten ja keinerlei Subventionen. Dazu kommen emotionale Verunsicherungen, Zukunftsängste: Wie lange wird sich das hinziehen? Wird es bei einer Vorgabenlockerung vielleicht heißen: nicht mehr als hundert Personen in einem Raum?
Margit Bönisch erwähnte uns gegenüber vor Jahren, dass Christian Ude, damals noch Münchner Oberbürgermeister, zwar mit seinem Kabarettprogramm gerne in der Komödie auftrat, aber auf Bitten um Unterstützung nie reagiert habe…
Das ist richtig – und schon ohne Krise sehr enttäuschend. Bei uns spielten und spielen Schauspielstars wie Johannes Heesters, Joachim Fuchsberger, Christiane Hörbiger, Nikolaus Paryla, Heiner Lauterbach, Uwe Ochsenknecht, Michaela May und, und, und. „Sonny Boys“ mit Peter Weck und Friedrich von Thun war jeden Abend ausverkauft: Das zeigt, dass unsere Komödie ein systemrelevantes Theater ist, das Unterstützung verdienen würde. Wir sind mit 575 Plätzen etwa so groß wie die Münchner Kammerspiele, die mit 35 Millionen Euro im Jahr subventioniert werden: Das sind circa 100 000 Euro pro Tag! Also alle elf Tage circa eine Million Euro – uns würde diese Summe einmalig schon sehr helfen.
Boulevardtheater fallen hierzulande bei städtischen und staatlichen Institutionen oft hinten runter. An Ihrem Haus werden neben vielversprechenden jüngeren Autoren auch literarisch geschätzte Komödien gespielt: von Pirandello über Molière bis hin zu Georges Feydeau und Eugène Scribe, von Noel Coward bis Neil Simon, Bernard Salde und Donald Margulies, um nur ein paar Namen zu nennen…
Der Ausschluss von einer Subvention ist tatsächlich eine bittere Enttäuschung. Wir haben pro Jahr um die 400 Veranstaltungen, meist zehn Neuproduktionen, 120 000 Besucher, etwa 3500 Abonnenten, und einen Jahresumsatz von 3,5 Millionen Euro. Wir sind ein wichtiger Arbeitgeber für die vielen freiberuflichen Schauspieler, für das Team hinter den Kulissen und im Büro, das mit viel Einsatz und Herzblut für das Theater da ist. Für einen Teil dieser Mitarbeiter wie auch für die Schauspieler der betroffenen beiden Produktionen haben wir, was uns natürlich sehr bedrückt, nun Kurzarbeit beantragt wie auch Steuerstundung.
Wie sieht es aus mit der Soforthilfe Corona des Freistaats „für besonders geschädigte gewerbliche Unternehmen und Angehörige freier Berufe“?
Unser Antrag ist immer noch in Bearbeitung. Es wären 15 000 Euro – aber allein unsere Monatsmiete ist deutlich höher. Wir haben auch einen Hilferuf an unseren Ministerpräsidenten Markus Söder und an den Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter geschrieben. Bedanken möchte ich mich bei all den Zuschauern, die auf die Rückerstattung ihrer gekauften Karten für die abgesagten Vorstellungen verzichtet oder die Karten in Gutscheine umgetauscht haben. 1000 Tickets wurden bis jetzt in Gutscheine umgetauscht. Diese Unterstützung freut uns sehr!
Und es geht ja doch sicher auch bald weiter…
Dominique Lorenz’ „Wer hat Angst vorm weißen Mann“ war Anfang des Jahres schon auf Tournee. Mit ein paar Wiederaufnahmeproben wären wir für die geplante Premiere am 22. April spielbereit, rechnen aber in der derzeitigen Situation nicht mehr damit. Gerade haben auch die jetzt überall praktizierten Online-Proben für unsere nächste Tournee-Produktion „Ungeheuer heiß“ mit Marie Theres Kroetz-Relin und Markus Majowski begonnen. Es ist ein Experiment für alle. Wir können den Betrieb aber nicht ganz einstellen und müssen, wenn die Wirtschaft wieder hochgefahren wird, sofort den Vorhang öffnen können.
Das Gespräch führte Malve Gradinger.