Walküren-Ritt durchs Wohnzimmer

von Redaktion

Das BR-Symphonieorchester setzt seine CD-Produktion von Wagners „Ring“ fort

VON TOBIAS HELL

Wer große Oper hören will, ist derzeit vor allem auf die heimische Hifi-Anlage angewiesen. So ließe sich zum Beispiel Wagners „Walküre“ noch einmal nachhören, die das BR-Symphonieorchester im Februar 2019 konzertant zur Aufführung gebracht und nun für das hauseigene Label auf CD gepresst hat. Es ist der zweite Baustein in diesem Münchner „Ring des Nibelungen“, den Sir Simon Rattle 2015 mit einem ähnlich umjubelten „Rheingold“ begonnen hatte.

Wie schon bei diesem ersten Teil, kann sich das klangtechnische Erlebnis auch bei der „Walküre“ hören lassen. Zudem wird endlich die Interpretation eines profilierten „Ring“-Dirigenten auf CD dokumentiert, der Wagners Opus magnum unter anderem an der Wiener Staatsoper, bei den Festspielen von Aix-en-Provence oder in Salzburg geleitet hat.

Konkurrenz zur ersten Gesamteinspielung des BR-Symphonieorchesters, die das Ensemble zwischen 1988 und 1991 mit Bernard Haitink (damals allerdings unter Studiobedingungen) auf Tonträger bannte, sieht Orchestermanager Nikolaus Pont nicht. „Im Gegenteil. Ich finde es wichtig, dass sich ein Orchester in regelmäßigen Abständen mit zentralen Werken beschäftigt.“ Wagner habe bei diesem Klangkörper eine lange Tradition. „Einige unserer Musiker spielen normalerweise bei den Bayreuther Festspielen. Oder denken Sie an Leonard Bernstein, der im Herkulessaal ‚Tristan‘ dirigiert hat. Eine Oper, mit der wir damals unter Lorin Maazel das Prinzregententheater wiedereröffnet haben.“

Diesen Weg geht man beim BR nun konsequent weiter. „Die lange Pause zwischen den beiden Konzerten war keine Verlegenheitslösung“, wie Pont im Gespräch betont. „Es liegt vielmehr daran, dass Simon Rattle bei seinen Auftritten mit uns schon immer großen Wert auf die Vielfalt des Repertoires gelegt hat. Daher war es von Anfang an klar, dass wohl nur alle drei bis vier Jahre ein ‚Ring‘-Teil auf dem Programm stehen würde.“

Doch Zeit ist gerade bei Wagner ohnehin ein relativer Begriff. Runden soll sich das Mammut-Projekt in jedem Fall, das steht für Pont außer Zweifel. „Siegfried“ ist schon in der Planungsphase, während die „Götterdämmerung“ vorerst noch davon abhängt, wie sich die Münchner Konzertsaal-Situation mit ihren diversen Bau- und Sanierungsprojekten entwickeln wird: Im kompakten Herkulessaal wäre die große Chor-Oper nicht ideal aufgehoben.

Die langen Pausen machen es für das BR-Vorhaben logistisch nicht unbedingt einfacher. Gerade was die Besetzung der zentralen Partien betrifft, die international von nur einer Handvoll Sängerinnen und Sängern bewältigt werden können. „Natürlich ist uns die Kontinuität wichtig, und Sir Simon hat genau im Kopf, mit wem er arbeiten will“, sagt Manager Nikolaus Pont. „Elisabeth Kulman zum Beispiel war nach dem ‚Rheingold‘ als Fricka ebenfalls bei der ‚Walküre’ dabei. Und auch Michael Volle war als Wotan eigentlich fix gesetzt. Dass er dann aus Krankheitsgründen absagen musste, war daher umso bedauerlicher.“

Wobei man mit James Rutherford, der bei der „Walküre“ nun zu CD-Ehren kommt, einen prächtigen Ersatz gefunden hat, der seine großen Monologe kurzweilig zu gestalten versteht und bei Wotans Abschied im Verbund mit Rattle einen emotionalen Schlusspunkt setzt. Hörenswert aber auch das kraftvolle Wälsungenpaar, Eva-Maria Westbroek als Sieglinde und Stuart Skelton als Siegmund, deren reichhaltige Bühnenerfahrung in diesen Rollen sich auch per Lautsprecher vermittelt. Wenn der „Rattle-Ring“ so weitergehen sollte, wartet man gerne, wenn auch ungeduldig auf die Fortsetzung.

Richard Wagner:

„Die Walküre“. Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Sir Simon Rattle (BR Klassik).

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