„Alles in der Welt ist Narrheit“, „tutto nel mondo è burla“: Das wären Falstaffs letzte Worte gewesen – die man in Corona-Zeiten durchaus zynisch verstanden hätte. Allein: Er wird sie auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper nicht singen dürfen. Nicht nur die letzte Premiere der Saison, die gesamte restliche Spielzeit ist nun Makulatur. Münchens Edeltempel hat sich am Freitag selbst den Stecker gezogen und bleibt damit noch allein. Alle anderen bayerischen Häuser hoffen weiter, in dieser Saison ein wie auch immer geartetes (Über-)Lebenszeichen geben zu können. Entscheidend bleibt für sie der 3. Mai, bis dahin soll vorerst alles ruhen.
Dass die Staatsoper so entschieden hat, hängt mit ihrer Sonderrolle zusammen. Auf absehbare Zeit wäre es nicht möglich gewesen, die Sängerinnen und Sänger für die ausstehenden Abende nach München zu bekommen. Das Haus verfügt nur über ein rudimentäres Ensemble und ist auf meist prominente Gäste angewiesen.
„Ein Theater ohne Publikum, ohne Künstlerinnen und Künstler, die Bühne und Orchestergraben beleben, ist nichts weiter als eine tote Hülle“, teilte Intendant Nikolaus Bachler mit. In den vergangenen Wochen seien mehrere Szenarien für die Durchführung der Festspiele durchgespielt worden, die vor allem die Sicherheit und Gesundheit aller Beteiligten sicherstellen. Keine Option habe sich als praktikabel erwiesen. Nun werde geprüft, welche Premieren nachgeholt werden können und was „im digitalen Umfeld“ realisierbar sei. Für eine mögliche Wiedereröffnung im Herbst plane man „die schrittweise Wiederaufnahme des Vorbereitungsbetriebs“.
Ganz anders die Situation am Gärtnerplatztheater, das seine Abende hauptsächlich aus dem in München und Umgebung ansässigen Ensemble bestreitet. Intendant Josef E. Köpplinger kämpft um Vorstellungen noch in diesem Sommer. Sein Traum, das sagte er unserer Zeitung, sei ein Probenbetrieb im Juni, der zu einigen Aufführungen im Juli führt. Gern auch mit reduzierter Platz-Zahl. Ohnehin sind alle Staatstheater vom Kunstministerium um Modelle für „Corona-Sitzpläne“ gebeten worden. Alle eineinhalb bis zwei Meter hätte nach diesen Vorgaben ein Besucher Platz nehmen dürfen. Das Residenztheater mit 881 regulären Sitzen hätte nur 163 Besucher ins Haus lassen dürfen, bei der Staatsoper (2100) wären es rund 350 gewesen.
Andreas Beck, seit vergangenen Herbst Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels, will seine erste Saison in München derzeit nicht für beendet erklären. „Wir hoffen sehr, dass wir diese Spielzeit noch zurückkommen können“, sagt er. Mit dem Kunstministerium prüfe man „die Wiederaufnahme des Probenbetriebs unter Einhaltung der Hygienevorschriften“ und eine mögliche Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Das Haus denke über neue Formate nach, die den Anforderungen der Corona-Krise Rechnung tragen. „Wir brauchen jetzt den Mut, uns einmal mehr neu zu erfinden“, ist Beck überzeugt – er und sein Team wollen „entwickeln, was es bislang noch nicht gab“.
Die Stadt lässt ihre Kultureinrichtungen – Theater und Museen, Bibliotheken und Volkshochschule, den Konzertbetrieb der Philharmoniker – vorerst nur bis 3. Mai ruhen. Ob und wie es danach weitergehen werde, wolle man auf „Basis der weiteren Vorgaben auf Bundes- und Länderebene entscheiden“, heißt es aus dem Kulturreferat: „Wir stellen uns flexibel auf die Situation ein und wägen alle Belange sorgfältig ab: den Schutz der Gesundheit der Bevölkerung und unserer Beschäftigten, die kulturellen Bedürfnisse der Menschen und die individuelle Situation der einzelnen Kultureinrichtungen.“
Ganz besonders hart träfe ein vorzeitiges Saison-Aus die Kammerspiele, wo Intendant Matthias Lilienthal seine letzte Spielzeit bestreitet. Doch die aktuellen Probleme seien größer „als die von zu Ende gehenden Intendanzen“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Sein Haus hat an vier neuen Inszenierungen gearbeitet, als Corona das Leben lahmlegte: „Wunde R“, die Uraufführung des neuen Stücks von Enis Maci; der Tanzabend „Mal“ von Marlene Monteiro Freitas; die Romanadaption „2666“ durch Christopher Rüping sowie „Oracle“ von Susanne Kennedy. „Ich wäre froh, wenn wir diese Projekte fertig probieren könnten – für die künftige Verwendung an den Kammerspielen oder anderswo.“ Mit seiner Nachfolgerin Barbara Mundel gebe es ein „sehr freundliches Miteinander-Nachdenken darüber“, welche Produktionen übernommen werden können, berichtet der scheidende Intendant. Die Inszenierung „2666“ nach dem Werk von Roberto Bolaño (1953-2003), die 24 Stunden im gesamten Stadtgebiet spielen sollte, wird voraussichtlich ins Internet verlegt. Dort sind die Kammerspiele mit der virtuellen Kammer 4 seit Beginn der Corona-Krise aktiv – und vor allem kreativ. Längst hat sich das Angebot gewandelt: weg vom Abspielen gefilmter Abende hin zu Live-Cam-Projekten, die ausschließlich fürs Internet (und mit dessen Mitteln) entstehen. „Wir machen jeden Tag Theater im Netz“, verspricht Lilienthal – bis Spielzeitende am 24. Juli. Und wie wird er sich von München verabschieden? „Unser Abschiedsfest findet dann statt, wenn man Menschen wieder in den Arm nehmen kann.“ Intern hat das Theater dafür den 14. März 2021 eingeplant. Warum? „Sollte es Anfang des Jahres einen Impfstoff geben, hätten wir einen Puffer von zwei Monaten.“
Die anderen Häuser hoffen zumindest auf weitere Proben
Lilienthals Abschiedsfest
erst 2021?