Am Freitag jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung für alle, die nicht Nutznießer der Nazis, nicht Kriegsgewinnler und Kriegsverbrecher waren. Ein Tag der Befreiung für die millionenfachen Opfer. Und für jene Menschen, die unter Gefahr ihres eigenen Lebens anderen Menschen – Untergetauchten, Verfolgten, Flüchtenden – Hilfe boten. Menschen, die Widerstand leisteten. Die wenigsten von ihnen sind heute bekannt. Es sind die stillen Helden, die Solidarität wagten mit Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten. Historiker Wolfgang Benz erinnert in seinem neuen Buch „Protest und Menschlichkeit“ an die Gruppe „Onkel Emil“ in Berlin. Zentrale Figur ist hier die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich (1901-1977). Ihr Lebensgefährte war der deutsch-russische Dirigent Leo Borchard, der im Mai 1945 als Nachfolger von Wilhelm Furtwängler zum Chef der Berliner Philharmoniker berufen wurde.
Es ist der 9. November 1938, als in der sogenannten Reichskristallnacht die Nazis und der deutsche Mob in ihrer Hatz auf Juden die Menschen jagen und erschlagen, ihre Geschäfte und Häuser zerstören, ihre Synagogen in Brand stecken. Weil Ruth Andreas-Friedrich, die für eine Frauenzeitschrift arbeitet, viele jüdische Freunde hat, kann und will sie nicht tatenlos dem barbarischen Treiben zuschauen. Als in der Nacht einer der Verfolgten abgehetzt an ihrer Tür läutet, nimmt sie ihn auf, bietet ihm Schutz für die nächsten Tage.
Von dem Moment an ergibt sich eine Hilfsaktion aus der anderen. Zusammen mit Leo Borchard knüpft sie ein breites Netzwerk des aktiven Widerstands. Am Anfang besteht der Helferkreis aus elf Personen unterschiedlicher Herkunft, vom Konditor bis zum Landgerichtsrat. Zentrum der Organisation und oft genug auch rettender Anker im letzten Moment ist Ruths Wohnung im Berliner Stadtbezirk Steglitz. Zum Kriegsende sind es 20 Vertraute, die mit Lebensmittelkarten, Kohlen und Kleidung helfen, mit medizinischer Versorgung, Übernachtungsmöglichkeiten und Beschaffung falscher Pässe zu Lebensrettern werden. Sie entschließen sich auch zu eigenen Aktionen, um mit Flugblättern und Plakatanschlägen die Bevölkerung aufzurufen, sich nicht als letztes Aufgebot Hitlers verheizen zu lassen, sondern „Nein“ zu sagen. Wie ein Wunder bleibt „Onkel Emil“ von der Gestapo unentdeckt.
Wolfgang Benz zeichnet die Biografien der Protagonisten im Einzelnen nach, jener Menschen, die helfen, und jener, denen geholfen wird, und manchmal sind sie auch beides zugleich. Zu ihnen gehört unter anderem eine so markante, schillernde Persönlichkeit wie der spätere Münchner Ordinarius und Direktor der Medizinischen Poliklinik der Universität München Walter Seitz.
Und Benz erzählt davon, wie die anderen der Gruppe „Onkel Emil“ ihr Leben nach Kriegsende fortsetzten. Das freilich weitgehend auf getrennten Wegen. „Der Magnet, der die Antinazis zusammenhielt, hat seine Anziehungskraft verloren“, konstatiert Ruth Andreas-Friedrich. Das besondere Augenmerk des Buchs gehört ihr, der, wie sie einer der Freunde im Nachhinein nennt, „Primadonna des Widerstands“. Und ihrem damaligen Lebenspartner Leo Borchard, der im August 1945 auf so tragische Weise ums Leben kommt: Seit 100 Tagen ist er Chef der Berliner Philharmoniker. Nach einer Abendeinladung am 23. August 1945 im britischen Hauptquartier fährt Gastgeber Oberst Creighton persönlich den Dirigenten, seine Lebensgefährtin und einen holländischen Musikagenten nach Hause. Beim Passieren der britisch-amerikanischen Sektorengrenze auf Höhe des S-Bahnhofs Kaiserplatz (heute Bundesplatz) wird von US-Soldaten das Feuer eröffnet. Borchard wird durch einen Kopfschuss tödlich getroffen.
Dass der Dirigent kurz vor diesem Unglück geheiratet und seine junge Frau ein Kind bekommen hat, er aber leger zweigleisig fuhr und noch immer auch mit Ruth lebte, kann sie nicht verkraften. Sie hat die Oberhoheit über sein Leben an sich gerissen und erfolgreich behauptet. Ehefrau und Kind kamen in seiner Biografie bislang nicht vor; denn die hat schließlich die Journalistin und Schriftstellerin Ruth Andreas-Friedrich geschrieben. Ihre Rache war Verschweigen.
Wolfgang Benz:
„Protest und Menschlichkeit – Die Widerstandsgruppe ,Onkel Emil‘ im Nationalsozialismus“. Reclam, 220 Seiten; 22 Euro. Als optimale Ergänzung zu empfehlen: Ruth Andreas-Friedrich: „Der Schattenmann – Tagebuchaufzeichnungen 1938-1948“. Suhrkamp, 586 S.; 14 Euro.
„Onkel Emil“ blieb von der Gestapo unentdeckt
Dirigent Borchard starb an der Sektorengrenze