Aus dem Zwiespalt hilft einem keiner heraus. Wenn die Kamera verliebt durchs Nationaltheater schwenkt, sich zu weiden scheint an einem der schönsten Theaterräume, dann spürt man gleichzeitig einen Stich: Die Leere, die beiden verlorenen Gestalten auf der Bühne, der ungewohnte Nachhall der Stimme (der sich auch per Internet überträgt), all das ist nach wie vor schwer zu ertragen.
Zum tragisch-schönen Anlass gibt es von Bariton Christian Gerhaher und Dauerbegleiter Gerold Huber beim fünften, live gestreamten Montagskonzert der Bayerischen Staatsoper angemessene Liedkost. Wobei ja bei Gerhaher selbst subtiler Humor wie in Schuberts „Liane“ stets mit Fragezeichen versehen wird: Ist Lächeln erlaubt? Darf man dem Turteln des hier geschilderten Paars trauen? Erstaunlich noch immer, obwohl man längst weiß um Gerhahers Nuancierungswut, wie Bekanntes neu ausgeleuchtet wird. Dvořáks „Biblische Lieder“, in bestechend klarem Tschechisch gesungen, gibt es vollkommen pathosfrei. Gerhaher und Huber geben die – scheinbar – entspannten Erzähler und Psalmen-Verkünder und erreichen damit ein Paradox: das der inhaltsreichen Schlichtheit.
Anders Gerhahers extreme Textbehandlung, die Farbwechsel fast auf jeder Silbe bei Hugo Wolfs Zyklus „Abendbilder“. Das Artifizielle, das Abwägen und Hinterfragen tut dem Opus gut – während Huber am Steinway seine Kunst des Intimen immer weiter verfeinert. Schwieriger wird es bei einer Auswahl von Schuberts Mayrhofer-Liedern. Klingt „An die Freude“ noch verstörend modern, scheint Gerhaher etwa in „Sehnsucht“ das Volksliedhafte kaum zuzulassen und zweifelnd zu reflektieren. Man hört außerdem, dass die Stimme belegt ist. Keine echte Indisposition, aber doch eine Irritation. Nicht zuletzt für den Sänger selbst – der noch mehr Handwerk und Technik durchscheinen lässt, als es den Liedern guttut. Im „Abschied“ wird dann alles Äußerliche abgestreift, das Finale dieser Stunde knüpft an den Dvořák-Beginn an.
Man mag nicht mit allem einverstanden sein. Doch wie Gerhaher und Huber den Hörer zur Auseinandersetzung zwingen und dabei nachvollziehbar bleiben, das macht ihre Kunst eben groß. Und dies teilt sich sogar mit übers Netz und über Internet-Kompromisse. Auch deshalb ist es gut, dass die Staatsoper mit den Montagskonzerten immer wieder Laut gibt und Standort-Bestimmungen vornimmt. Besser als jede abgefilmte Vorstellung und jedes nette Privatvideo ist das.
Umso merkwürdiger, wer in diesen Wochen verstummt ist. Die Klangkörper des Bayerischen Rundfunks zum Beispiel. Anders als die Staatsoper verfügen diese ja „automatisch“ über die notwendige Ausstattung vom Kamerateam bis zum Tontechniker, von den Sängern und Musikern im Zwangsurlaub ganz zu schweigen. Immerhin regt sich Zaghaftes bei den Münchner Philharmonikern und ab morgen am Gärtnerplatz. Wer übers (zu) langsame Hochfahren des Kulturlebens greint, müsste schon selbst mal den Motor auf Testlauf schalten.
Information:
Das Konzert ist bis 20. Mai abrufbar auf staatsoper.tv.