Das Schlossmuseum Murnau konnte am Dienstag sofort nach der offiziellen Erlaubnis öffnen – und das mit zwei Sonderausstellungen: „,Es kommen kalte Zeiten‘ Murnau 1919-1950“ sollte seit 2. April laufen und die dazu passende Kunstpräsentation „Schattenzeiten – Künstler zwischen Anpassung und Widerstand“ seit 7. Mai. Gleich am ersten Tag seien 38 Besucher gekommen, erzählt Museumschefin Sandra Uhrig, während sie durch das hygienegemäße Schloss-Labyrinth führt. Das ist immer noch ein atmosphärisches Erlebnis. Die Besucher können wählen zwischen einem Komplett-Rundgang – unbedingt zu empfehlen – und den „Schattenzeiten“. Geschlossen bleiben muss die Abteilung „Ödön von Horváth“, weil sie so detailreich ist, dass die Leute einander allzu nahe kommen. Die Horváth-Abstinenz ist ein Verlust, denn der Schriftsteller hat die heraufziehende braune Gefahr in Murnau live beobachtet und künstlerisch packend analysiert.
Die heutige Marktgemeinde wollte es noch genauer wissen und hat die Historikerin Edith Raim mit einer Sonderschau beauftragt. Die sollte dann in eine revidierte Darstellung der Geschichte Murnaus im Museum einfließen. Diese Neuinszenierung ist aus coronabedingten Spargründen aufgeschoben, sodass die „Kalten Zeiten“ bis kommendes Jahr herrschen werden. Raim freut sich im Übrigen über das „demokratische Projekt“, weil bei dem nicht nur Marion Hruschka vom Marktarchiv Murnau tatkräftig mithalf, sondern auch Gemeindemitglieder Objekte beitrugen. Das geht von einer frühen Luftbildaufnahme von 1916 über Einladungskarten von Vereinen zu Faschingsfesten bis zu „Ruhmes-Blättern“. Sie zeigten die toten Soldaten und sollten vergessen machen, wie elendiglich sie an den Fronten von 1914 bis 1918 verreckt waren. Dass der Krieg danach nie wirklich aus den Köpfen der Menschen verschwunden war, versucht Raim an Alltagsgegenständen wie Schützenscheiben aufzuzeigen.
Eine andere Giftspur ist die frühe Fremdenfeindlichkeit bei vielen Murnauern – und das in einem traditionsreichen Sommerfrischler-Ort. Dieses völkische Denken, von der Presse heftig propagiert, führte dazu, dass Murnau eine Nazi-braune Sonderstellung in Bayern einnahm: Bereits 1923 gab es eine NSDAP-Ortsgruppe und nach dem Verbot 1926 sofort wieder. Nutzen davon hatte Murnau nicht einmal in der Nazi-Zeit, aber auch später keinen Schaden. Die US-amerikanischen Befreier liebten Gegend und Menschen, wie in Gästebüchern nachzulesen ist.
Um diesen Geschichtsparcours ästhetisch zu erweitern, hat das Museumsteam „Schattenzeiten – Künstler zwischen Anpassung und Widerstand“ entwickelt. Goya-Grafiken (aus Spargründen Reproduktionen) legen die Basis, und die heißt: Der Mensch ist dem Menschen ein Monster. Mit Grauen und Entsetzen, mit Mahnung und Verzweiflung, mit bitterem Humor und skurriler Heiterkeit reagierten die Künstler. Käthe Kollwitz, die ihren Sohn bestärkt hatte, in den Krieg zu ziehen, schrie später in ihrem Schaffen dagegen an. Paul Klee rettete sich mit „Trauerblume“ in stillen Schmerz und etwas Trost. Beide sahen den Ersten Weltkrieg und sahen den Zweiten kommen. Wie Kandinsky. Der machte künstlerisch nie Kompromisse, versuchte indes, deutscher Staatsbürger zu werden, und landete doch im französischen Exil.
Es sind neben den beeindruckenden Werken – auch von weniger bekannten Künstlern – die Schrifttafeln und Dokumente, die von ambivalenten Schicksalen erzählen. Schwarz-Weiß gibt es nicht im Leben und schon gar nicht im Überleben. Cuno Fischer schenkte 1965 einem Murnauer Brautpaar „Getto“ (sic!). Jetzt hat dieses Paar das Grafikblatt für die Ausstellung ausgeliehen. Da steht eine Reihe schwarzer, schmaler Gestalten, die auf uns blicken und uns wie vor Jahrzehnten fragen: Warum?
Informationen:
„Es kommen kalte Zeiten“ bis 2021, „Schattenzeiten“ bis 6. September, Di.-So. 10-18 Uhr; das Geschichtsbuch erscheint bald beim Volk Verlag: 29,90 Euro.