Das öffentliche Leben macht weitgehend Pause. Theater und Kinos, Oper und Konzertsäle, Hallen und Live-Clubs haben wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Normalerweise sind wir Kulturredakteure und unsere freien Kritiker für Sie, liebe Leserinnen und Leser, Tag für Tag und Abend für Abend unterwegs, um über das Kulturleben in München und Bayern zu berichten. Die Zeit der Zwangspause nutzen wir nun, um innezuhalten – und uns zu fragen, welches Ereignis, welcher Künstler, welche Musikerin, welches Werk uns einst für Kunst und Kultur begeistert hat? Die natürlich absolut subjektiven und individuellen Antworten drucken wir in loser Folge – und hoffen, dass die Texte auch für Sie Entdeckungen bereithalten. Heute lesen Sie Marco Schmidt, der für uns hauptsächlich über Film und Musik schreibt.
Es gab eine Zeit, da lag das Paradies für Münchner Musikfans in einem Keller in der Kaufingerstraße. Denn dort unten befand sich die mit Abstand größte Filiale der Plattenladen-Kette WOM (World of Music), und die ellenlangen gelben Regale dieses überheizten Souterrains boten eine Riesenauswahl. Das Beste daran: Hier musste man nicht die Katze im Sack kaufen, sondern durfte jede LP vorher probehören – ein unschätzbarer Vorteil für einen Gymnasiasten wie mich, dessen Taschengeld so knapp bemessen war, dass er sich davon maximal eine Platte pro Monat leisten konnte.
Das Probehören lief meistens so ab, dass ich mir den Anfang einer LP zu Gemüte führte und dann noch in zwei weitere Lieder der A-Seite sowie den Beginn der B-Seite reinhörte. Aber an einem denkwürdigen Nachmittag in den Achtzigerjahren geschah etwas, was mir vorher noch nie passiert war und auch danach nie mehr vorkam: Ich war von einer Platte so sehr gefesselt, dass ich mir die komplette A-Seite anhörte – fast 25 Minuten lang stand ich völlig perplex da, mit staunenden Augen, verblüfften Ohren und heruntergeklappter Kinnlade, stammelte danach etwas wie „Die nehm’ ich“ und kaufte die Scheibe, ohne auch nur eine Sekunde der B-Seite gehört zu haben.
Diese Platte fing damit an, dass ein Mann zu hypnotischen Klängen mit extrem emotionaler, leidenschaftlich beschwörender, wahrhaft herzzerreißender Stimme davon sang, sein Körper und seine Seele seien von einem rätselhaften Rhythmus besessen, woraufhin sich afrikanische Trommeln immer mehr in einen orgiastischen Perkussionsrausch hineinsteigerten. Der nächste Song evozierte mit flirrenden Sounds eine von der Sonne versengte Prärielandschaft in den US-Südstaaten, handelte vom Kampf der amerikanischen Ureinwohner und entwickelte erneut einen faszinierenden Sog – und eine geradezu archaische Wucht. So ging es weiter: insgesamt vier Lieder, alle rund fünf bis sieben Minuten lang, jedes von ihnen ein mysteriöses, magisches, meisterhaftes musikalisches Minidrama im Breitwand-Sound – mit nie zuvor gehörten, erregenden Klängen, ergreifendem Gesang, elektrisierenden Marimbas, entfesselten Gitarren, explodierenden Bässen und ekstatischen Drums. Bei der LP, die mich dermaßen umhaute, handelte es sich um das vierte Solo-Album von Peter Gabriel. Der galt zu jener Zeit, lange vor seinem kommerziellen Durchbruch, noch als Geheimtipp unter Intellektuellen. Ich selbst war damals ein ziemlich naiver Teenie, der trotz (oder wegen) einer klassischen Pianisten-Ausbildung allenfalls über eine solide Halbbildung verfügte. Erst später erfuhr ich, dass Gabriel ein Pionier in puncto Progrock, Weltmusik und Sampling war – und dass er, um die unerhörten Klänge auf jenem vierten Album zu kreieren, etwa auf einem Schrottplatz zersplitternde Fernseher oder das Pfeifen des Windes in einer Regenrinne aufgenommen und gesampelt hatte.
Damals im WOM spürte ich nur, dass diese Musik absolut nichts mit gängigem Pop zu tun hatte, mit dem üblichen Turnus von Strophe und Refrain, den ewig gleichen Akkordfolgen und den simplen Beats. Nein, das war Musik, die Herz, Hirn und Hüfte gleichermaßen ansprach: sinnlich, spannend, voller verblüffender Ideen, geprägt von krassen dynamischen Gegensätzen und komplexen, mitreißenden, alles verschlingenden Rhythmen.
Wenig später erlebte ich mein erstes Konzert mit Peter Gabriel – ein klug konzipiertes Multimedia-Gesamtkunstwerk, das packend inszeniert war und mich ebenso restlos begeisterte wie zuvor die LP. In der Folgezeit entdeckte ich peu à peu weitere Progrock-Perlen: Gabriels erste drei Solo-Alben, die frühen Genesis-Platten, die Werke von Bands wie King Crimson, Gentle Giant, ELP oder Yes … Meine Leidenschaft für außergewöhnliche Musik brach sich endgültig Bahn. Aber geweckt worden war sie in jener knappen halben Stunde, die mir völlig neue Klangwelten eröffnet und dadurch mein Leben für immer verändert hatte: 25 unvergessliche Minuten in einem stickigen Keller in der Kaufingerstraße.